Miriam Franken

Karibu sana – Willkommen in Tanzania

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Stefanie Koester

Als ich aus dem Fenster des Flugzeuges sehe, denke ich für einen kurzen Moment, der Pilot habe sich verflogen und die blauen Wellen unter uns gehörten zum offenen Meer. Aber dann sehe ich in der Ferne aus den Wolken die Spitze eines Berges aufragen – der Kilimanjaro. Wir sind auf dem richtigen Weg, und das, was ich für das offene Meer gehalten habe, ist eigentlich der Victoriasee. Begeistert blicke ich nach unten auf das Land, das für die nächsten zwölf Monate meine Heimat sein wird.
Der Flug aus Dar Es Salaam nach Bukoba dauert nicht lang, nur etwas über drei Stunden, dann landet unsere kleine Maschine ein klein wenig ruckelig auf der Landebahn. Maria, meine Mit-MaZlerin, und ich    steigen aus, und sammeln in dem Flughafengebäude unser Gepäck ein. Durch die Tür sehen wir auch schon Stefanie, unsere neue Chefin, hier rechts auf dem Bild mit zweien der Kindern. Sie leitet das Nikolaushaus, ein Haus für Waisenkinder und behinderte Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht von ihren Eltern versorgt werden können. In dem Haus, das momentan ein Zuhause für 25 Kinder bietet, werden Maria und ich ein Jahr lang mitleben, mitbeten und mitarbeiten.
„Na, gut angekommen?“, fragt Stefanie uns und nimmt uns in Empfang. „Karibu sana in Tanzania!“1-miriam-in-afrika-nikolaushaus

Karibu sana – Herzlich Willkommen.
Unsere Ankunft in Tanzania ist jetzt fast einen Monat her. Inzwischen haben wir uns schon etwas eingewöhnt, die Namen aller Kinder gelernt und angefangen, einfache Zweiwortsätze auf Kiswahili, der Landessprache, zu sprechen. Wir wissen, dass „Asante“ die Antwort auf „Karibu“ ist und „Danke“ meint.
Wir haben uns eingearbeitet und inzwischen haben wir auch eine Idee, wie wir uns an den verschiedenen Arbeitsplätzen einbringen können. Genug zu tun gibt es eigentlich immer, wer wann welchen Dienst übernimmt, entscheidet der Dienstplan.
Morgens spielen wir mit den Kindern, die nicht zur Schule oder in den Kindergarten gehen, weil sie zu jung sind oder wegen einer Behinderung nicht am Unterricht teilnehmen können, in der Outpatient Clinic. Diese Klinik befindet sich in einem Nebengebäude. Neben der Spielstunden für die Kleinen vormittags findet dort nachmittags Zusatzunterricht für die Schulkinder statt, bei dem wir ebenfalls mitarbeiten. Am Samstag besucht außerdem ein Physiotherapeut die Outpatient Clinic und arbeitet dort mit unseren Kindern und den behinderten Kindern der Umgebung.
Am späten Nachmittag werden alle Kinder gewaschen. Dabei und auch bei den Mahlzeiten arbeiten wir ebenfalls mit. Nach dem gemeinsamen Beten gehen die kleineren Kinder dann zu Bett, während die Großen noch bis etwas länger aufbleiben dürfen. Dazu kommen die Frühstücksschichten, bei denen man um viertel vor sechs an die sechzig Toastbrote für die Kinder schmiert, und die Hausaufgabenhilfe für die Schulkinder.

Es war ein erster Monat, der uns sicherlich sehr geprägt und uns einiges deutlich vor Augen geführt hat. Strom zum Beispiel lernt man wohl erst dann richtig zu schätzen, wenn man durch gelegentliche Stromausfälle merkt, welche Geräte alle davon abhängen. Der Toaster zum Beispiel. Oder der Schalter für das warme Wasser. Aber, und auch das haben wir gelernt, wenn es keinen Strom gibt, dann ist das auch kein Weltuntergang. Toastbrot schmeckt auch ungetoastet ganz gut, und kalt zu duschen ist bei afrikanischen Temperaturen auch nicht schlimm.

Es war auch ein Monat, in dem einiges passiert ist im Nikolaushaus.
Das Erdbeben, das in Bukoba, der nächsten Stadt, einige Häuser zum Einsturz gebracht und mehreren Menschen das Leben gekostet hat, hat nicht nur den Kindern einen gehörigen Schrecken eingejagt. Gerade ein nächtliches Nachbeben bringt einige der älteren Kinder dazu, die Nacht lieber draußen verbringen zu wollen. Zum Glück ist das Nikolaushaus ziemlich stabil gebaut, und mit viel gutem Zureden schaffen wir es schließlich, alle wieder in das Gebäude und ins Bett zu befördern. Dennoch – das Erdbeben wird wohl eines der prägendsten Ereignisse in meinem ersten Monat hier in Tanzania bleiben. Aber auch das haben wir gut überstanden.

bild-4-nikolaushaus-tansaniaEine weitere eindrucksvolle Erfahrung war die Feier zum fünften Geburtstag des Nikolaushaus, die wir miterleben durften. Nach der Messe, die vom Bischof gehalten wurde, wurde zu afrikanischer Musik getanzt und gesungen. Ein schöner und sehr vielseitiger, aber auch anstrengender Tag, denn die Kinder lassen sich von der ausgelassenen Stimmung anstecken und sind noch aufgedrehter als an den meisten anderen Tagen. Am Abend fallen wir Mitarbeiter müde in unsere Betten, während aus den Schlafzimmern der Kinder noch aufgeregtes Getuschel kommt.

Auch ein Neuzugang musste sich, genau wie wir, im Nikolaushaus einleben. Atugonza, drei Jahre alt und blind, ist aus einem Babywaisenhaus zu uns gekommen. In ihren ersten Tagen noch etwas unsicher, macht es richtig Spaß, zu sehen, wie sie jetzt mit den anderen Kindern lacht und spielt. Im Umgbild-6ang mit der blinden Atugonza zeigt sich dann auch das, was mich in meinem ersten Monat hier am meisten beeindruckt hat – das Verhalten der Kinder untereinander. Etwa die Hälfte der Kinder leidet an verschiedenen Behinderungen körperlicher und geistiger Art. Doch während Inklusion in Deutschland immer noch ein großes Problemthema ist und viele Leute ihre berechtigten Zweifel an der Umsetzung haben, gehen die Kinder im Nikolaushaus mit Respekt und Mitgefühl miteinander um. Die gesunden Kinder kümmern sich um die beeinträchtigten Kinder, tragen Atugonza durch die Gegend, führen Hadisha, das zweite blinde Mädchen, durch das Haus, schieben die Rollstühle der gehbehinderten Kinder. Natürlich gibt es hin und wieder auch Streit und Tränen, doch im Allgemeinen wird jedes Kind hier, so wie es ist, von allen anderen Kindern akzeptiert.

Haben wir uns inzwischen eingelebt? Nun, vermutlich wird es noch ein bisschen dauern, bis das Nikolaushaus und seine Vorgänge für uns wirklich vertraut sind. Immer wieder stolpern wir noch über eine Tradition oder eine Eigenart, mit der wir nicht gerechnet haben, und wahrscheinlich wird das auch noch sehr lange so sein. Aber die Grundsteine sind gelegt, und der Rest wird sich mit der Zeit ergeben.

In diesem Sinne – Asante sana!  
Eure Miriam


Grüße aus Tanzania

„Wie geht es Atugonza denn inzwischen?“ , fragt mich Stefanie, die Leiterin des Nikolaushauses, während wir draußen auf der Bank auf die anderen Praktikantinnen warten. „Ganz gut“, sage ich. „Sie hat inzwischen aufgehört, zu beißen, und kommt mit den anderen Kindern immer besser klar.“.Wir beobachten, wie die dreijährige Atugonza, die letzten Monat ins Nikolaushaus eingezogen ist, hilft, den Rollstuhl von Christoph zur Outpatient Clinic zu schieben. „Sie hat wirklich etwas Routine bekomen“, füge ich hinzu und denke, dass es uns eigentlich genauso geht.

Inzwischen sind meine Mit-MaZlerin Maria und ich seit zwei Monaten in Tanzania. Inzwischen kennen wir unsere Dienstpläne auswendig und wissen, welche Aufgaben in der Outpatient Clinic und in der Pflege der Kinder wie zu erledigen sind. Wir sprechen immer besser Kisuahili und haben uns an das Leben im Kinderheim gewöhnt. Wir haben Routine entwickelt.

Dennoch gab es gerade in diesem Monat viel, das die Routine unterbrochen hat. Angefangen hat der zweite Monat beispielsweise mit einem von uns organisierten Sporttag, an dem wir die Kinder in Gruppen Seilspringen und Sackhüpfen lassen. Eines der Hauptprobleme war es bei der Organisation, die Gruppen möglichst gleichstark zu machen und trotzdem so viele Kinder wie möglich in die Aktionen einzubinden. Wir schaffen es, ziemlich viele Kinder in die Gruppen einzuteilen, und überlegen sogar, ein Alternativprogramm für die Kinder mit zu starken Behinderungen anzubieten, doch am Tag der Sportrally erleben wir eine Überraschung – die meisten der Kinder, die wir nicht mit eingegliedert hatten, werden von den Gruppen wie selbstverständlich mitgenommen. Am Ende bleiben von etwa 10 Kindern, die ursprünglich nicht auf Gruppen verteilt worden waren, noch drei übrig, die zu klein oder zu schwer behindert sind, um aktiv am Geschehen teilzunehmen. Als ich an diesem Abend in meinem Bett unter dem Mosktionetz liege, bin ich ziemlich zufrieden, denn obwohl unsere 27 Kinder ein ganz schönes Chaos veranstalten können, haben sie doch darauf geachtet, dass soviele Kinder wie möglich an den Sportspielen teilhaben konnten.

Am Tag nach den Sportspielen beginnt für einen Großteil der Kinder eine Woche Schulferien. Wir Praktikantinnen nutzen die freie Zeit der Kinder für zwei Dinge: einerseits haben wir so die Gelegenheit, den Kindern intensivere Nachhilfe zu geben, andererseits rufen wir einen Schwimmkurs für die älteren Kinder ins Leben. Da ich in Deutschland bei der DLRG bereits Schwimmkurse mitgeleitet habe, gehe ich, zusammen mit ein oder zwei weiteren Helferinnen und je drei der Kinder in den einzigen Pool in der Gegend, der zu einer Hotelanlage gehört. Ein kleiner runder Pool ist zwar nicht die perfekte Bedingung, um schwimmen zu lernen, aber es reicht, um den Kindern die Grundlagen zu erklären. Da die Kinder viel Spaß im Wasser haben und zum Teil auch sehr gute Fortschritte machen, denken wir inzwischen darüber nach, mit den Kindern auch außerhalb der Schulferien am Wochenende schwimmen zu gehen.

Und eine weitere Überraschung gibt es für die Kinder während der Ferien: zehn der großen Kinder fahren mit Stefanie, zwei Hausmüttern und uns vier Praktikantinnen in einen kleinen Nationalpark auf Rubondo Island. Nach knapp fünf Stunden Fahrt in den Nationalpark sind die Kinder und wir zwar erschöpft, aber auch aufgeregt. Auf verschiedenen Wanderungen und Safarifahrten sehen wir Elefanten,Giraffen, Nilpferde und Affen.

Beim Abendessen im Nationalpark singen uns die Angestellten und Kellner des Parks ein Lied, das auch normal den Gästen vorgesungen wird. Unsere Kinder allerdings sind keine normalen Safaritouristen, kennen das Lied, und so tanzt unsere gesamte Gruppe mit den Kellnern singend um unseren Tisch herum. Für uns und sicher auch für die Kinder ein unvergesslicher Abend.

Am Tag nach unserer Rückkehr ins Nikolaushaus gibt es eine Abschiedsfeier für Janina, eine der Praktikantinnen. Alle Kinder treten einzeln vor und bedanken sich für die schöne Zeit mit ihr. Einige fangen auch an zu weinen. Wenn ich daran denke, wie wir in zehn Monaten von hier Abschied nehmen sollen, bekomme ich ebenfalls feuchte Augen.

Neben diesen besonderen Ereignissen kommen noch weitere Aufgaben auf uns Praktikantinnen zu. Mit einer Praktikantin, Katrina, beginne ich, den Container mit den Sachspenden zu sortieren. Gerade die gespendete Kleidung muss nach Geschlechtern und Alter der Kinder sortiert werden. Außerdem werden die Stücke, die in besonders guter Verfassung sind, für Feiern, Geburtstage oder für die Kirche zur Seite gelegt. Die Arbeit macht uns mehr Spaß, als wir anfangs gedacht haben, gerade wenn man sich die Kinder in den Kleidern vorstellt.

Außerdem beginnen wir, mit einem der Kinder regelmäßig spazieren zu gehen. Daniel ist Autist und neun Jahre alt. Er spricht nicht und lacht selten, versteht aber eine Menge von dem, was man ihm sagt. Da er anderen Kindern gegenüber agressiv ist und außerdem die Tendenz zum Weglaufen hat, wird er normalerweise in einen abgetrennten Bereich des Gartens gebracht. Das gemeinsame Spazierengehen mit uns oder den anderen Mitarbeiterinnen scheint ihm aber viel Spaß zu machen.

Die neue Routine zeigt sich auch beim Organisieren des zweiten Sammelgeburtstages, den wir hier erleben. Anita feiert ihren neunten, Boniface seinen zweiten, Hadija ihren siebten und Praktikantin Katrina ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag. Wir bereiten im Vorfeld einige Spiele vor, die auch die blinde Hadija mitspielen kann. Und tatsächlich ist sie beim Topfschlagen eine der besten.

Unsere Routine ist seit dem Beginn dieses Monats wirklich viel besser geworden. Natürlich gibt es immer noch Dinge, die wir nicht verstehen, und auch sprachlich stoplern wir noch häufig im Gespräch mit den Kindern oder Mitarbeiterinnen. Dennoch merke ich, dass manche Dinge, die mir am Anfang Schwierigkeiten bereitet haben, jetzt einfacher zu handhaben sind. Ich hoffe, dass die Entwicklung andauern wird, bis Maria und ich uns schließlich komplett eingelebt haben.

In diesem Sinne – Asante sana! Miriam Franken


Dezember 2016

Karibu sana – Grüße aus Tanzania

Drei Monate sind wir jetzt schon in unserer Einsatzstelle in Tanzania. Drei Monate, in denen wir den Schulranzen auf dem Rücken gegen die kleinen Kinder auf dem Rücken und die Hausaufgaben gegen die Hausaufgabenhilfe eingetauscht haben. Ein Viertel unseres Freiwilligen Sozialen Jahres ist um. Und ich bin jetzt schon dankbar für all die Erfahrungen, die wir bis jetzt hier sammeln konnten.

Auch in diesem Monat ist viel passiert. Zusammen mit meinen Mit-Praktikantinnen Maria und Katrina haben wir die Pfadfindergruppe des Nikolaushauses übernommen. Eine ehemalige MaZlerin hatte die Gruppe damals gegründet, und seitdem werden die Pfadfinder normalerweise von den Praktikantinnen angeleitet. Zu den Aktivitäten gehören hauptsächlich Ausflüge mit den Kindern und zum Teil auch Übernachtungen außerhalb des Nikolaushauses. Die ursprüngliche Gruppe bestand dabei aus den älteren Jungen und Mädchen des Hauses sowie einigen Kindern der Nachbarschaft. Doch nun wünschen sich die Mädchen ihre eigene Pfadfindergruppe, und dementsprechend teilen wir uns auf. Maria übernimmt die Gruppe der Jungen, während Katrina und ich uns um die Gründung einer Mädchengruppe kümmern, obwohl keine von uns je Pfadfinderin war. Außerdem entschließt sich ein Pfarrer aus der Gegend, sich bei den Pfadfindern zu engagieren, da er selbst begeisterter Pfadfinder war. Er hat uns schon einmal besucht und die Kinder einmal bei sich eingeladen. In den Unterrichtsstunden, die er den Kindern gibt, lernen sie Knoten knüpfen und die Signale der Pfadfinder. Im kommenden Monat lädt er die Kinder außerdem über ein Wochenende in eine Art Pfadfinderlager ein. Ich bin gespannt, was die Kinder davon berichten werden.

Auch die Vorbereitungen für das neue Jahr laufen inzwischen, denn die Kinder haben gerade ihre Abschlussprüfungen in der Schule. Anders als bei uns endet das Schuljahr in Tanzania nämlich Anfang Dezember. Danach folgen einige Wochen Ferien, bevor im Januar das nächste Schuljahr beginnt.

Natürlich merkt man den Schulstress auch hier in Tanzania. Besonders meine Nachhilfeschüler sind plötzlich mit erstaunlichem Eifer bei der Sache. Wenn es nächste Woche Zeugnisse gibt, entscheidet sich die weitere schulische Zukunft der Kinder. Bei einigen steht höchstwahrscheinlich ein Schulwechsel an; und drei unserer jüngeren Kinder werden im Januar zum ersten Mal in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten kommen. Da ist natürlich die Aufregung groß.

Und natürlich geht es auch bei uns in Tanzania auf die Weihnachtszeit zu. Für mich war das immer ein Laternenumzug an St.Martin, und deswegen beschließen meine Mit-Praktikantinnen und ich, auch hier St.Martin zu feiern. Dazu verbringen wir einen Nachmittag damit, mit den Kindern aus Pringlesdosen, Milchtüten und alten Gläsern Laternen zu basteln. Das ist gar nicht so einfach, aber am Ende haben wir eine Handvoll mit Taschenlampen ausgerüsteter Laternen. So ausgestattet ziehen wir mit den Kindern in der Dunkelheit ums Haus in den überdachten „Partybereich“ vor dem Haus. Von den älteren Kindern lassen wir die St.Martinsgeschichte auf Suahili übersetzen und erzählen. Danach sollen sich, in Anlehnung an die Geschichte mit dem Mantel, immer zwei Kinder einen Keks teilen, was überraschend gut funktioniert.

Alles in allem bin ich, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, ziemlich stolz auf uns und unsere improvisierten Laternen. Weihnachten kann kommen!

Aber vorher machen wir Praktikantinnen noch einen kleinen Ausflug; von Freitag bis Sonntag fahren wir nach Uganda, um dort einen anderen Freiwilligen zu besuchen. Felix arbeitet als Lehrer und wohnt in einem Pfarrhaus in Katende, einem Ort nahe der Hauptstadt Kampala. Mit einem Überlandbus fahren Katrina, Maria und ich morgens in Bukoba los, und kommen mittags in Katende an. Felix holt uns ab und zeigt uns die Gegend, dann fahren wir nach Kampala. Und dort erleben wir unseren ersten kleinen Kulturschock – es gibt Hochhäuser! Cafés! Alle sprechen Englisch! Das ist inzwischen komplett ungewohnt für uns. Während wir uns abends gemeinsam von den Eindrücken erholen, frage ich mich, wie es bei unserer Ankunft in Deutschland wieder für uns sein wird. Bestimmt bekommen wir da einen noch heftigeren Kulturschock!

Am nächsten Tag, dem Samstag, nimmt Felix uns mit auf eine Graduation Party, der Abschlussfeier des Technischen Instituts, in dem er unterrichtet. Anschließend besuchen wir noch eine Feier, auf der ein Priester der Gegend verabschiedet und ein anderer Willkommen geheißen wird. Als ich an diesem Abend ins Bett falle, bin ich todmüde vom vielen Tanzen.

Nach der Messe am nächsten Morgen heißt es dann Abschied nehmen. Gegen Mittag steigen wir in den Bus, der uns wieder nach Tanzania bringt. Als wir abends am Busbahnhof ankommen und ein Taxi nach Hause nehmen, erwartet uns allerdings eine letzte böse Überraschung, denn mitten in einer dunklen Kurve bleibt unser Taxifahrer stehen und schaltet alle Lichter aus. Als er etwas unter seiner Fußmatte zu suchen beginnt und auf unsere Fragen nicht reagiert, beschließen wir lieber Reißaus zu nehmen. Denn gerade Weiße werden oft Opfer von Überfällen, auch und gerade durch Taxis und an Bahnhöfen. Deswegen laufen wir bis zu einer Gruppe junger Studenten, die uns zum Glück weiterhelfen, als der Mann uns einige Minuten später verfolgt. Bei der Gruppe warten wir, bis Steffi, die Leiterin des Nikolaushauses, uns abholt.

An diesem Abend bin ich besonders froh, wieder im Nikolaushaus zu sein, das für mich inzwischen wirklich ein Stück Zuhause geworden ist. Und auch wenn mir meine Familie und meine Freunde, der Schnee, der Weihnachtsmarkt und das Schlittschuhlaufen wirklich sehr fehlen, freue ich mich doch auf die Weihnachtszeit hier in Tanzania.

In diesem Sinne – Asante sana!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Februar 2017

Karibu sana – Grüße aus Tanzania

Es ist der zweite Tag des neuen Jahres. Um 4.00 morgens klingelt mein Wecker und ich falle aus dem Bett. In der Dunkelheit stehen Maria und ich zusammen mit einigen der älteren Kinder an der Straße und Heuschrecken fliegen uns gegen den Kopf. Ich bin schon fast wieder im Stehen eingeschlafen, als der Bus endlich kommt. Und so machen wir uns auf die dreizehnstündige Busfahrt nach Kigoma, dem Ort, zu dem Stefanie, unsere Chefin, traditionell mit den älteren Kindern in den Urlaub fährt. Dieses Jahr kommen zehn Kinder mit, die aber nicht alle in Stefanies Auto passen, deswegen fahren wir mit drei Kindern mit dem Bus. Anfangs verschlafe ich die Fahrt größtenteils, aber spätestens, als wir von der angenehmen Teerstraße auf die holprige Staubstraße abbiegen, werde ich wieder wach.

Es gibt nur eine kurze Pause, um die Fahrgäste auf die Toilette gehen zu lassen. Nur ab und an hält der Bus am Straßenrand, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Bei jedem dieser Stopps kommen Leute angerannt und reichen Essen oder Wasserflaschen durch die Fenster. Dreizehn Stunden später tut mir alles weh, aber wir sind angekommen. Kigoma entpuppt sich wirklich als traumhafte Gegend, die bekannt dafür ist, dass man oft auf wilde Zebras trifft. Das Gästehaus (rechtes Bild), in dem wir für eine Woche wohnen werden, liegt fünf Minuten vom Strand entfernt und noch am Abend der Ankunft laufen wir hinunter, um im See Tanganijka zu baden.

Und das tun wir auch den Rest der Urlaubswoche noch oft, sodass ich meine Schwimmstunden fortsetzen kann. Am Ende der Woche bewältigen drei der Kinder die Aufgaben, die für ein Seepferdchenabzeichen gefordert werden.

Aber natürlich verbringen wir nicht die ganze Woche im Wasser. Stefanie zeigt uns ein Babywaisenhaus in der Gegend, in dem eine Bekannte von ihr ihre Ausbildung zur Betreuerin macht. Die Kleinen sind wirklich süß, aber da viele der Kinder nur selten Weiße sehen, fangen die meisten der Kinder an zu weinen, sobald sie uns sehen. Außerdem besuchen wir den Stoffmarkt von Kigoma und sind schier erschlagen von der Auswahl. Anschließend zeigt uns Stefanie den Bahnhof. Damals von den Briten gebaut ist dieser Bahnhof heute einer der ganz wenigen Bahnhöfe, die es in Tanzania überhaupt gibt. Auch der Hafen ist eindrucksvoll. Wir haben Glück und sehen die Liemba.

Die Liemba ist ein altes deutsches Schiff, das heute das älteste, noch betriebene Passagierschiff ist. Wir dürfen an Bord der Liemba gehen und bekommen auch ein Führung (links die Liemba, Mitte Ex-MaZlerin Hannah, Stefanie und ich, rechts ich am Steuerrad der Liemba). Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug zum Livingston-Museum, und gehen anschließend mit den Kindern essen, um unseren letzten gemeinsamen Abend im Urlaub zu feiern.Liemba Tansania Schiff Liemba Tansania Schiff

Und am nächsten Morgen gibt es dann die dreizehnstündige Rückfahrt. Der Ausflug hat uns eine angenehme Abwechslung vom Alltag im Nikolaushaus geschenkt, aber als wir zuhause die kleinen Kinder wieder in den Arm nehmen können, merke ich doch, wie sehr ich das Haus vermisst habe.

Die Reise nach Kigoma war in vieler Hinsicht ein Abschied. Ein Abschied von den Ferien, die am 9.Januar enden. Ein Abschied von der Outpatient Clinic vormittags für die Kinder, die ab jetzt in die Schule oder in den Kindergarten gehen. Und ein Abschied von Joseph (rechts mit Ex-MaZlerin Hannah), Magdalena und Hadija, die jetzt zum neuen Schuljahr ins Internat ziehen. Wir werden die drei wirklich vermissen.

Aber im Januar bekommen wir auch neue Gesichter hier im Nikolaushaus – Louisa und Sydney, zwei neue Praktikantinnen, werden die kommenden drei Monate hier im Nikolaushaus leben und arbeiten.

Langsam kehrt der Schulalltag in das Nikolaushaus zurück. Marias Vater besucht uns und die beiden fahren ein paar Tage durch Tanzania. Bei ihrer Rückkehr hat Maria viele Fotos von Elefanten, Giraffen und Löwen dabei und ich freue mich auch schon darauf, selbst Besuch zu bekommen und ein bisschen zu reisen. Neben der Arbeit mit den Kindern im Nikolaushaus arbeite ich jetzt außerdem einmal pro Woche drei Stunden in der örtlichen Dispensary. Die Krankenstation wird von einer indischen Schwester geführt, die auch Krankenschwester ist und in dieser Dispensary die umliegenden Orte versorgt. Neben dem Krankenhaus in der Gegend ist die Dispensary eine der wenigen Anlaufstellen für Erkrankte.

Da ich später Medizin studieren möchte, ist die Arbeit in der Dispensary eine hervorragende Möglichkeit, erste praktische Erfahrungen zu sammeln. Und so geht der Januar wieder zu Ende. Es war ein Monat mit vielen Veränderungen und wertvollen neuen Erfahrungen. Abschließend gibt es dann auch noch einen Wechsel – zwei der Schwestern, die hier im Nikolaushaus arbeiten, werden von ihrem Konvent an eine andere Stelle versetzt. Dafür kommen zwei andere Schwestern.

Ich bin also gespannt, wie das Leben im Nikolaushaus mit all den kleineren und größeren Veränderungen weiter gehen wird.In diesem Sinne – Asante sana! Miriam Franken

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Karibu sana
Grüße aus Tanzania
Schon über sechs Monate in Tanzania. Inzwischen habe ich mich an viele Sachen gewöhnt, die mir anfangs komisch vorkamen. Ich kann auch mit Ratten auf dem Dach und Kindern an der Tür schlafen. Mein Suahili ist gut genug geworden, um Anweisungen zum Zähneputzen und Hausaufgabenhilfe zu geben, obwohl es für ein philosophisches Gespräch immer noch nicht reichen würde. Ich habe meine Strategien fürs Ins-Bett-Bringen und zum Motivieren der Kinder zu Matheaufgaben entwickelt, die zumindest meistens funktionieren, und komme mir nicht mehr so hilflos vor wie manchmal am Anfang. Manche Dinge überraschen mich aber doch. Als ich eines schönen Tages von der Dispensary nach Hause komme, finde ich mein Zimmer leicht verändert vor. Auf den Wänden befinden sich streng riechende, weiße Tröpfchen. „Oh, ja, die Regierung war da“, sagt Stefanie, meine Chefin. Einmal im Jahr schickt die Regierung Tanzanias in Schutzanzüge gekleidete Männer mit Gasmasken aus,
um in allen Kinderheimen Insektizide zu versprühen. Hätte ich das geahnt, hätte ich meine Bilder von den Wänden genommen. Aber nach ein paar Tagen mit geöffneten Fenstern kann man sich im Haus auch wieder aufhalten, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Außerdem bekommen wir einen Neuzugang. Die kleine Editha ist 6 Jahre alt, wiegt aber nur 7 kg. Das liegt zum Teil an ihrer Behinderung, zum Teil aber auch daran, dass die Mutter des Mädchens die Kleine aufgegeben hat. Ihre Schwester, 9 Jahre alt, kümmerte sich lange Zeit um Editha und brachte sie regelmäßig zu uns in die Samstagsklinik, um Medikamente zu holen. Als die Mutter aber aufhörte, Editha diese Medikamente zu geben, beschloss Stefanie, Editha im Nikolaushaus
aufzunehmen. Ihre Schwester kann sie hier jederzeit besuchen kommen. Anfangs weinte das Mädchen oft, besonders nachts, aber inzwischen strahlt sie jedes Mal, wenn jemand in den Raum kommt. Ich hoffe, dass sie mit der Zeit etwas Gewicht zulegen wird und noch mehr wächst.
Nach sechs Monaten wird es nun Zeit für unser Zwischenseminar. Maria und ich packen also unsere sieben Sachen zusammen und fliegen nach Dar Es Salaam. Dort treffen wir uns mit 18 weiteren MaZlern von verschiedenen Organisationen, die größtenteils in Tanzania, aber auch in Kenia und Ruanda ihre Freiwilligendienste leisten. Fünf Tage lang tauschen wir uns aus und reden über unsere Erfahrungen im Einsatz, über das, was uns beeindruckt, erschreckt oder irritiert hat. Es tut gut, zu wissen, dass andere oft ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und wir reden viel über das, was uns momentan beschäftigt. Rechts drei unserer Teamer vor dem Seminargebäude. Im Anschluss an das Seminar fahren Maria und ich mit anderen Freiwilligen nach Bagamoyo, dass in der Nähe von Dar Es Salaam liegt, um dort ein paar Tage Urlaub zu machen. Die Zeit am Pool
und am Strand tut mir richtig gut, und richtig italienische Pizza zu essen, kommt mir wie ein Traum vor. Leider gehen auch diese Tage mit frischem Saft am Pool vorbei, aber es ist dann auch wieder schön, nach dem Heimflug im Nikolaushaus anzukommen. Genau wie vor sechs Monaten landet unser Flugzeug früh morgens, nur dieses Mal werden wir nicht von Stefanie in Empfang
genommen, sondern sind in der Lage, selbst mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Allerdings sind wir genauso müde wie vor sechs Monaten und verschlafen alle beide den Rest des Tages nach der Ankunft.
Einige Dinge ändern sich eben, andere bleiben gleich. In diesem Sinne – Asante sana!
Miriam Franken

Mai/Juni 2017

Neun Monate Tanzania – unser Jahr hier neigt sich langsam, aber deutlich seinem Ende zu. Unsere Nachfolger stehen bereits  fest und schreiben uns, um sich Tipps für Packlisten zu holen, während ich mich regelmäßig in meinem Zimmer umsehe und überlege, was davon ich mitnehmen und was ich hierlassen werde. Gerade der Besuch meines Vaters, der mir Unterlagen für die Uni und mein Krankenpflegepraktikum mitbringt, macht mir klar: inzwischen muss ich über die Zeit in Tanzania hinaus weiterplanen. Es kommt mir fast ein wenig surreal vor, wie schnell diese neun Monate vorbeigegangen sind.
Doch bevor wir fahren, fährt erstmal jemand anderes: die Schwesterngemeinschaft, mit der Steffi damals nach Tanzania gekommen ist, wird von ihrem Orden zurück in ihre Mutterhäuser gerufen. Für alle ist der Abschied sehr schwer – die Schwestern leben schon jahrelang hier in Kemondo und haben alle ihre Projekte aufgebaut und viel für die Leute getan. Es ist hart für sie, jetzt langsam ihren Hausstand aufzulösen und Kemondo zu verlassen. Gemeinsam mit Steffi sortieren wir Unmengen an Spielzeug, das uns die Schwestern überlassen. Kisten mit Büchern, die wir noch durchsehen müssen, werden wohl zum Teil an uns und zum Teil an das Priesterseminar weitergegeben werden. Steffi selbst erklärt sich bereit, eine kleine Bäckerei,
die die Schwestern geführt haben, weiter zu leiten. Für die Dispensary, die kleine Gesundheitsstation, in der ich hier ebenfalls
gearbeitet habe, findet sich aber leider niemand, der die Leitung übernehmen könnte, so dass sie in Zukunft geschlossen bleiben wird. Mit einem großen Fest werden die Schwestern verabschiedet: nach einem Gottesdienst, zu dem sogar der Bischof gekommen ist, bringen viele Leute Geschenke, tragen Reden oder Lieder vor. Auch unsere Kinder singen „Vergesst uns vom Nikolaushaus nicht“. Wir werden sie ganz bestimmt nicht vergessen: Sister Deepa, Sister Preethi und Sister Neera aus Indien und Sister Anne aus den USA. Wir danken Ihnen vom ganzem Herzen und wünschen Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Weg!

Im Mai erschüttert uns alle dann eine traurige Nachricht aus Musoma. Wie ich schon in meinem letzten Rundbrief als Anmerkung eingefügt hatte, ist Maria, die wir in Musoma besucht hatten, leider völlig überraschend verstorben. Die Nachricht hat uns alle sehr betroffen gemacht, vor kurzem hatten wir sie und ihren Bruder Steven ja noch in Musoma besucht. Das Foto zeigt sie mit Mariaeiner unserer Hausmütter bei unserem Besuch imletzten Monat. Maria war körperlich und geistig schwer behindert, und hatte bis zu ihrer Volljährigkeit etliche Jahre im Nikolaushaus gelebt, bevor sie im August letzten Jahres nach Musoma in eine Einrichtung für erwachsene Behinderte gekommen war. Viele der Nikolaushauskinder kennen Maria und Steven gut und sind genauso betroffen wie wir alle.
Es findet eine kleine Trauerfeier mit Gottesdienst hier auf dem Gelände statt, mit den Kindern, einigen Bekannten aus der Gemeinde und Marias Vater. Am Tag nach dem Gottesdienst kommt dann Steven, Marias Bruder, der noch nicht volljährig ist, zurück ins Nikolaushaus. Steffi hat zusammen mit den dort arbeitenden Schwestern seinen Rücktransport organisiert. Inzwischen ist Steven schon einige Tage zurück und scheint sich ganz gut wieder eingelebt zu haben. Marias Tod ist natürlich eine Tragödie. Und er zeigt besonders deutlich auch das Problem, vor dem behinderte Erwachsene in Tanzania stehen: es gibt kaum gute Einrichtungen für erwachsene Behinderte. Musoma ist die nächstgelegene Einrichtung für behinderte Erwachsene in der Region, und selbst sie ist 14 Autostunden von uns entfernt. Da das Nikolaushaus allerdings nur für Kinder und Jugendliche ausgelegt ist, ist Steffi nach Marias Tod jetzt verstärkt auf der Suche auch nach anderen Unterbringungsmöglichkeiten für diejenigen Kinder, die dem Nikolaushaus entwachsen.
Zuerst aber geht es für Stefanie nach Deutschland auf Urlaub. Sechs Wochen lang fahren sie, Aisha und Anita (die beiden Adoptivkinder von Stefanie) zurück nach Essen, einerseits um sich zu erholen, andererseits auch um Vorträge über das Nikolaushaus zu halten und andere organisatorische Dinge zu erledigen. Unter anderem wird sie sich auch mit unseren Nachfolgern, den neuen MaZlern, treffen. Wir sind gespannt auf Ihren Bericht !
In diesem Sinne – Asante sana!
Miriam Franken

Karibu sana
Grüße aus Tanzania
Es sind Ferien. Das, was wir in Deutschland Sommerferien nennen würden, sind hier die fünf schulfreien Wochen von Ende Mai bis Anfang Juli. Unsere Kinder kommen nach Hause – bis auf Magdalena, die vom Internatsleben gerade mal eine Woche Urlaub bekommt, da in der Schule erwartet wird, dass die Schüler der Abschlussklasse auch in den Ferien lernen. Trotzdem ist bei uns
mal wieder volles Haus.
Es ist zwar geplant, dass einige Kinder zu Familienangehörigen fahren, und die kleinen Kinder wurden von Sister Grace, die hier drei Jahre gearbeitet hat, zu ihrer neuen Stelle in Bihalamulu, einem Ort ca. 2 Stunden von hier, eingeladen. Bevor aber nach und nach immer weniger Kinder im Haus sind, brechen Maria und Tabita mit den großen Kindern zu einem Scoutausflug auf. Die
Kinder wollen in einem nahe gelegenen Wald drei Tage zelten. Ich übernehme in der Zeit das Frühstück und fahre mit ein paar Kindern, die zwar nicht übernachten dürfen, aber trotzdem gerne dabei sein wollen, zu Besuch hin.
Danach erledigen wir im Eiltempo die so genannten Homework – Packages, Aufgabenpakete, die die Kinder über die Ferien bearbeiten sollen, damit der erste Teil der Kinder sich auf den Weg in die Ferien machen kann.
Die übrigen Kinder halten wir, so gut es geht, mit Bastelaktionen und Spielen beschäftigt. Außerdem nutzen wir die Zeit, um die Sachspenden und Bücherkisten zu sortieren.
Nun steht für Tabita eine Reise an – seit fast drei Monaten ist sie in Tanzania, das bedeutet, ihr Visum läuft ab. Sie nutzt die Gelegenheit, um eine Freundin in Ruanda zu besuchen und sich das Land ein bisschen anzusehen. Ihr Bus fährt morgens um kurz vor sechs – zu einer Uhrzeit also, zu der es in Tanzania noch stockdunkel draußen ist. Damit sie nicht alleine nachts an der Straße zur Bushaltestelle laufen muss (knapp 30 Minuten Fußweg auf einer Straße ohne Fußgängerwege in einem Land, in dem auch nachts nur selten jemand mit Licht fährt), übernachten Tabita und ich im Haus der Sisters, die ja letzten Monat nach Indien und Amerika zurückgefahren sind. Das Haus liegt wesentlich näher an der Bushaltestelle.

Steffi, die ja im Moment in Deutschland im Urlaub ist, hat uns gebeten, ihr Haus und das der Sisters sauber zu halten, und daher waren wir schon ein paar mal dort. Im Dunkeln ist es dann allerdings doch ein bisschen gruseliger, besonders, weil das Haus nahe am Zentrum liegt und man im Grunde immer ein paar Stimmen hört. In Deutschland mag das normalerweise auch so sein, aber das Nikolaushaus, in dem wir jetzt schon 10 Monate leben, ist nachts deutlich leiser. Doch am nächsten Morgen erwischt Tabita dann nach ein paar Ticketproblemen tatsächlich einen Bus und macht sich auf den Weg nach Ruanda.
Es folgen Pfingsten und Fronleichnam – beides Feste, die in unserer Gemeinde mit dem gesamten Chor und bunter Dekoration gefeiert werden. Zu Fronleichnam bauen die Leute entlang der Straße kleine provisorische Hütten auf, die geschmückt werden. Nach der Messe zieht die ganze Gemeinde hinter dem Chor und dem Pfarrer her. In jeder der Hütten wird die Hostie begrüßt und die kleinen Kinder vom Kinderchor werfen Blütenblätter. Ein paar der Mädchen tragen sogar Engelsflügel dabei. Und die kleinen Jungen schwenken kleine Holzspeere. Es ist ein Anblick, der mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird, gerade weil Fronleichnam in Deutschland oft nicht mehr so stark gefeiert wird. Tja, und dann – dann sind die Ferien schon fast wieder vorbei. Es ist wie damals mit den Schulferien – fünf Wochen sehen aus wie eine Ewigkeit, wenn sie beginnen, aber kaum dass die Ferien angefangen haben, sind sie auch fast schon wieder vorbei.
Einer nach dem anderen trudeln unsere Kinder wieder ein im Nikolaushaus. Es ist eindeutig anstrengender mit 30 Kindern statt mit 14, aber trotzdem freue ich mich, die Kinder wieder zu sehen. Die Ferien waren wirklich gut, und ich will nicht, dass sie vorbeigehen – ganz besonders, weil ich dann zwei Kinder, Hadija und Anetti, die auf eine Blinden- und Gehörlosenschule in die
Stadt gehen, wahrscheinlich zum letzten Mal sehe, bevor mein Jahr in Tanzania um ist und ich wieder nach Deutschland zurück fahren werde.
In diesem Sinne – Asante sana!
Miriam Franken

Juli/August 2017

Nach den Ferien sind alle unsere Kinder wieder im Haus und nehmen ihren Alltag wieder auf. Zum Abschluss der Ferienwochen übernachten wir mit den kleinen Kindern in der Outpatient Clinic – ein kleines Abenteuer, sowohl für die zwölf Kinder als auch für uns drei Praktikantinnen. Ein bisschen komme ich mir vor wie eine Lehrerin auf Klassenfahrt mit ihrer Grundschulklasse, deren Kinder einfach nicht schlafen wollen. Aber letztendlich liegen dann doch alle auf den Matratzen aneinander gekuschelt und schlafen. Der letzte Abend dann, bevor die Schule wieder los geht, verbringen Tabita und ich über Schulunterlagen – Zeugnisse müssen noch geordnet und abgeheftet, Homework packages unterschrieben werden, fünf Kindern fällt plötzlich ein, dass sie noch ungefähr 20 Hefte brauchen, und alle Kinder verlangen Bleistifte und Radiergummis. Und dann … tja, dann sind die Ferien auch schon wieder vorbei. Zwei Tage später kommt auch Steffi, unsere Chefin, mit ihren beiden Kindern, Aisha und Anita, wieder von ihrem Deutschland-Urlaub zurück. Aisha ist in der Zeit sicher um ein paar Zentimeter gewachsen und ich bin mir sicher, dass sie in spätestens zwei Jahren größer sein wird als ich, obwohl sie erst neun ist. Wir begrüßen die Heimkehrer mit Mandazi (ein süßes Gebäck) und Luftballons und Regen – trotz der Trockenzeit. Ein ganz besonderer Mitbringsel aus Deutschland, sagt Steffi.
Da das Wetter ansonsten aber ganz gut ist, gehen wir schwimmen – an einem Sonntag mit den Großen, am darauf folgenden Wochenende mit den Kleinen. An der Badestelle stehen inzwischen ein paar Schaukeln und Rutschen, da der Strandabschnitt privatisiert worden ist – man muss ein bisschen Eintritt zahlen, aber der Preis ist noch im Rahmen. Und die Stelle am See ist wohl
Bilharziose-frei. Die Kinder haben viel Spaß und toben im See, wir sind immer ganz schön gefordert, alle im Blick zu behalten. Aber auch ich genieße das Schwimmen und das schöne Wetter. Dann folgt eine Event, auf das ich mich schon lange
  gefreut habe – (m)eine Geburtstagsparty. Zusammen mit meinem 19. Geburtstag feiern wir auch Witis 6., Agnes 7., Mwolokozis 4., Christophs und Elliots 10. und Mama Nazalius 34. Geburtstag. Außerdem verabschieden wir eine Mitarbeiterin, Dada Anita, die die weiterführende Schule wieder aufnimmt und uns deshalb verlässt. Es gibt Kuchen und Mandazi, Geschenke und Musik. Alles in allem ein wunderschöner Tag, an den ich mich gerne erinnern werde. Am Montag darauf beginnt für eines unserer Kinder ein kleines Abenteuer. Mta, unser gehörloses Kind, wird für eine Woche probeweise in die Gehörlosenschule in der Stadt gehen. Wir sind alle sehr gespannt, wie es ihm gefallen wird und ob er gut zurecht kommt, aber nach einer Woche scheint er ganz glücklich in der Schule zu sein. Der Schulleiter erklärt sich bereit, Mta ab Januar fest aufzunehmen, und wir versuchen momentan also, ihn dazu zu bringen etwas selbstständiger zu werden – Mta hat nämlich zusätzlich zu seiner Taubheit auch noch eine Cerebralparese, sitzt deshalb im Rollstuhl und benutzt Spezialtoiletten. Dass Mta überhaupt aufgenommen werden soll ist eine kleine Überraschung, da die Schule normalerweise Auswahltests macht und von den hunderten von Bewerbungen nur die zehn klügsten Kinder pro Jahr aufgenommen werden. Daher freuen wir uns natürlich besonders, dass Mta die Aufnahme geschafft hat. Nun hatten wir eigentlich geplant, am Wochenende vom 21. Juli bis zum 24. Juli weg zu fahren, Maria, Tabita und ich, nach Mwanza, um noch einmal etwas als Praktikantinnen zusammen zu unternehmen, bevor Maria und ich dann in nicht mal mehr drei Wochen Tanzania hinter uns lassen müssen und in den Flieger zurück nach Deutschland steigen. Doch in der Nacht auf den 21. Juli werde ich krank – Übelkeit und Magenkrämpfe, und wir beschließen, die Reise auf das nächste Wochenende zu verschieben. Und dann ist mein Freiwilliges Jahr hier schon fast vorbei… Noch drei Wochen bleiben mir hier in diesem Land, das für mich ein Jahr lang Heimat geworden ist. Vieles ist mir sehr vetraut geworden und die Kinder sind mir tief ans Herz gewachsen. Diese letzten Wochen werden sicher noch sehr intensiv werden – noch einmal alles in mir aufnehmen, viel Zeit mit den Kindern und den Mitarbeiterinnen verbingen, mich noch einmal für die letzten Wochen ganz intensiv einlassen auf das Land, die Menschen und die Kultur. Dies ist wohl der letzte Rundbrief aus Tanzania. Ein Rundbrief wird zwar noch kommen, aber der wird dann schon aus Deutschland geschickt werden und zumindest zum Teil davon handeln, wie ich mich wieder eingelebt habe in einer Kultur die so anders ist als die in der ich jetzt gerade lebe.

August/September 2017

Mein Wecker klingelt. Ich rolle aus dem Bett und denke sehnsüchtig an die Zeit, in der ich um 5.20 Uhr aufstehen konnte. Es ist Viertel vor Fünf und ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus, zu meinem Krankenpflegepraktikum. Zweieinhalb Wochen bin ich jetzt wieder zurück in Dortmund, und ich muss sagen – Supermärkte, größer als tanzanische Schulen, und Beschwerden, weil das Krankenzimmer nur einen Fernseher hat – Deutschland ist echt seltsam. Aber der Reihe nach. Unsere letzten Tage in Tanzania waren für mich gemischt – der normale Alltag ist durchwebt von der Vorfreude auf meine Familie, aber vor allem natürlich vom Abschiedsschmerz. Obwohl ich fest vorhabe, die Kinder so bald wie möglich besuchen zu kommen, ist es ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass ich „meine“ Kids wahrscheinlich in frühestens einem Jahr wieder sehen werde. Jedes
Mal, wenn ich ein Kind hochhebe, in den Arm nehme oder mit den Kindern singe, treten mir ein paar Tränchen in die Augen. Langsam muss ich mich verabschieden, von einem Ort, der mir so viele Erinnerungen geschenkt hat. Positive, wie die vielen Stunden voller Freude mit den Kindern. Wie das Glück, zu merken, dass man sich immer besser mit Sprache und Kultur auskennt und zurecht findet. Aber auch negative, wie das Erdbeben gegen Anfang unseres Jahres. Wie der Tod einiger Kinder unserer Gegend. Wie die schlechte medizinsche Versorgung, die in den tanzanischen Krankenhäusern gang und gäbe ist. Viele meiner Erfagungen haben mir Impulse zum Nachdenken gegeben. Mein Wunsch, Ärztin zu werden, hat sich weiter bekräftigt – vielleicht kann ich auch später im Ausland arbeiten, um selbst einen kleinen Teil zu dem Wandel beizutragen, den ich mir in der medizinischen Versorgung wünsche.
Und während die nächsten Ferien der Kinder geplant werden, bei denen wir dann gar nicht mehr da sind, wird mir endgültig klar – unser MaZ-Jahr ist vorbei. Wie bei allen Abschieden haben wir ein paar Tage später eine kleine Abschiedsfeier – dazu backen
wir Apfelkuchen und bedanken uns bei den Kindern und Mitarbeitern für das so erfahrungsreiche Jahr. Wie hier üblich, wird das erste Stück des Kuchens an jemand anderen „verfüttert“ – wie oben bei Maria und mir oder unten bei mir und Atugonza. Nach einem Reisesegen unseres Pfarrers geht dann die Reise los. Nach dem Flug von Bukoba nach Dar Es Salam haben wir acht Stunden Aufenthalt. Auf den Tipp unserer Chefin fahren wir an den Kipepeo Beach, den Schmetterlingsstrand. Das Wasser ist
himmlisch warm und es gibt Pizza – schon komme ich mir vor wie in der großen Stadt. Auf dem Rückweg zeigt sich, dass wir dann doch noch in Tanzania sind. Wir stehen im Stau, und dann werden wir auch noch angehalten. Der Polizist behauptet, unser Taxi hätte einen Unfall provoziert, aber mit umgerechnet 25 Euro ließe sich die Sache aus der Welt schaffen … um danach die Zeit wieder aufzuholen, fährt unser Fahrer eine Abkürzung – bestehend aus Holperpfaden in völliger Dunkelheit, aber wir kommen noch rechtszeitig am Flughafen an. Der Flug nach Amsterdam ist etwas wackelig, und Amsterdam selbst liegt im Nebel – Marias Flug fällt aus, sie wird auf den nächsten umgebucht, mein Flug findet, wenn auch verspätet, statt. In Düsseldorf gehe ich mit meinem „Empfangskomitee“ aus meiner Familie und Freunden erst mal ein Brötchen essen und einen Saft trinken. Ich bin müde, und glücklich, und vor allen Dingen stolz, dass ich das Jahr geschafft habe – es war nicht immer leicht, nicht immer nur schön, aber ich glaube, ich habe wirklich viel gelernt und Erfahrungen gemacht, die mir wohl mein Leben lang hilfreich sein werden. Ich habe beeindruckende Menschen und einmalige Situationen kennengelernt und würde mich, vor die Wahl gestellt, in jedem Fall wieder für mein Jahr in Tanzania entscheiden. In diesem Sinne möchte ich mich hier bei allen bedanken, die in Gedanken bei mir waren und mich so lieb unterstützt haben.

Miriam FrankenAsante sana!
Miriam Franken

  • NIKOLAUSHAUS e.V. St. Nicholaus Children´s Center, Kemonodo
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