Annika

Annika berichtet über ihre freiwillige Arbeit im Nikolaushaus

Vom andern Ende der Welt Kemondo, den 25.9.2013

 Liebe Daheimgebliebenen,
Hier nun endlich ein Lebenszeichen aus meiner neuen Heimat.
Uns geht es hier sehr gut, wir haben für afrikanische Verhältnisse einen hohen Standard. Auch die Anreise war nicht so schlimm wie erwartet. Mit insgesamt 24 Stunden (von zu hause bis zum Nikolaushaus) war sie zwar sehr lang, aber bei weitem nicht so anstrengend, wie ich dachte. In Kairo haben wir dann auch die 3. Praktikantin kennen gelernt. Sie hatte leider keine so unproblematische Reise. Ihr Flug aus Frankfurt hatte 3 Stunden Verspätung, wodurch sie dann fast unseren Anschlussflug nach Entebbe verpasst hätte. Sie hatte grad noch Glück – Ihr Gepäck nicht. Das kam dann 3 Tage später nach. Aber alle 6 Gepäckstücke (1 Koffer + 1 riesiger Rucksack pro Person) hätten so und so nicht in das Taxi gepasst. Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie sie so ist, „die andere Kathi“.

Wir haben festgestellt, dass wir alle aus ähnlichem Holz geschnitzt sind. (Eine gewisse Ähnlichkeit war wohl voraus zusetzten, sonst würden wir ja jetzt nicht alle in einem Waisenhaus in Afrika sitzen.) Sie hat auch ein Pferd, wohnt auch auf einem Hof und wir können über das selbe lachen. Kurz: Wir verstehen uns alle sehr gut. Mal sehen, ob das mit der 4. Praktikantin, die Anfang Oktober kommt, auch so gut klappt.
Mit „meiner Kati“ komm ich auch super klar. Entgegen unserer Vermutung, dass wir uns regelmäßig zerfleischen wollen, haben wir uns noch nicht einmal auch nur ansatzweise gestritten, geschweige denn umgebracht.
Wahrscheinlich liegt dass auch daran, dass wir nicht 24 Stunden am Tag zusammen sind. Wir haben einen Dienstplan, der jedem feste Arbeitszeiten zuteilt. Jeder hat einmal am Tag entweder Früh-, Mittag- oder Abendschicht. Die anderen haben in der Zwischenzeit frei. Außerdem machen wir von Montag bis Freitag „Schule“. Die beiden Kathis machen mit Aisha und Anita die Deutsche Fernschule und ich mit Joseph, Nazalius und Magdalena Hausaufgaben/Nachhilfe in Englisch, Civics(sowas wie Heimat- und Sachkunde) und Mathe. (Ja, 4 Monate nach dem Abitur kann jetzt auch ich das kleine Einmaleins perfekt.) Der tansanische Lehrplan ist sehr gewöhnungsbedürftig – man lernt hier in der 3. Klasse Grundschule mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man eine Blume zeichnet, dafür sind im Kindergarten schon Englisch und Mathe an der Reihe . Rechnen kann trotzdem niemand.

Der dritte Aufgabenbereich ist die Outpatitient Clinic. Mittwoch bis Freitag macht eine Mitarbeiterin mit den behinderten Kindern des Nikolaushauses Übungen; Samstags ist dann Outpatient Clinic für die behinderten Kinder von außerhalb. Hierfür kommt eine schweizer Heilpädagogin (Barbara) und ein tansanischer Physiotherapeut. Manchmal kommt Barbara auch unter der Woche für die Nikolaus-Kinder. Wir drei versuchen so gut es geht, bei den Übungen zu helfen oder selbst Aufgaben zu übernehmen. Die Outpatient Clinic darf man sich nicht wie eine Klinik im europäischen Sinne vorstellen. Im endeffekt ist es ein Raum mit Matratzen und Lernspielzeug.

Wenn wir nicht grad mit den Kindern beschäftigt sind, nimmt uns Steffi öfter mit, wenn sie außerhalb etwas erledigen muss. Montags ist zum Beispiel Markt in Kemondo, so ein richtiger afrikanischer Markt, auf dem man fast alles kaufen kann: Obst, Gemüse, Gewürze, Stoffe, Kleidung, Plastikschuhe, billigen Kitsch-Schmuck, Spielzeug, Radios ….
Außerdem fahren wir einmal die Woche nach Bukoba, wo wir dann die Dinge kaufen, die wir auf dem Markt nicht bekamen. Das sind dann meistens Süßigkeiten. Man bekommt hier einen wahren Heißhunger auf Kekse, Gummibärchen und Co. Zurückzuführen ist das auf das doch etwas einseitige afrikanische Essen: Reis, (Süß-)Kartoffeln und/oder Kochbananen, als Beilage Gemüse (mit oder ohne Fleischstückchen), Bohnen und/oder gehackten Fisch. Ich ernähre mich hier aber eigentlich vegetarisch. Wir haben angefangen, uns hin und wieder selbst etwas zu kochen, was – man möchte es kaum glauben – ganz gut funktioniert. Steffi freut sich dann auch immer über die kulinarische Abwechslung.

Das absolute Highlight war aber eindeutig der Besuch eines Waisenhaues für Babys in Ntoma.
Allgemein kann ich aber sagen, dass ich bis hierher positiv überrascht bin – von Afrika als auch von mir selbst. Es ist hier schöner als ich erwartet habe, ich komme erstaunlich gut damit klar, fast 20 neue Geschwister zu haben und der allseits gefürchtete „Kulturschock“ ist bisher ausgeblieben.
Nach erst einem Monat ist es wahrscheinlich noch zu früh für ein Urteil, aber würde man mich jetzt fragen, ich würde sagen, dass diese Reise eine der besten Entscheidungen war, die ich treffen konnte.
Ich hoffe, dass zu hause alles in Ordnung ist und dass ich euch vielleicht doch ein kleines bisschen fehle.
Ganz liebe Grüße von jenseits des Äquators (Ja, ich bin hier auf des SÜD-Halbkugel!!!),

Eure Annika

Rundbrief Nr. 2

Liebe Daheimgebliebenen,
nach nunmehr 6 Wochen kann ich schon etwas mehr von meinem „vorübergehenden Heimatland“ berichten. Die Leute hier sind zu uns „Wazungu“ (Sg: „Mzungu“ = Weißer) im allgemeinen sehr freundlich, nicht zuletzt, weil wir hier grundsätzlich als reich und wohlhabend gelten und man sich deshalb erhofft, etwas vom „europäischen Wohlstandskuchen“ abzubekommen. Sei’s eine Heirat, Geld oder auch nur etwas zu essen. Und ja, „Mzungu“ ist rassistisch, aber das ist hier aufgrund fehlender Nazi-Vergangenheit nicht verrufen – im Gegenteil: Wenn man als Weißer durch die Stadt oder durchs Dorf geht wird einem von allen Seiten „MZUNGU!!MZUNGU!!“ hinterher gerufen. Meistens aber bloß, weil sich die Leute freuen einen zu sehen und nicht, weil sie jemanden kränken möchten. Man fühlt sich also eher wie ein Superstar. Und wenn man dann noch ein paar Brocken Kiswahili spricht, hat man eigentlich schon gewonnen.

Natürlich versuchen auch wir, die Sprache zu lernen. Und, man möchte es kaum glauben, ich versteh langsam sogar ein bisschen was! (Um mich mit jemandem unterhalten zu können, müsste ich jetzt noch selbst Sätze bilden können… Wird vielleicht auch noch irgendwann..)

Im Grunde haben die Tansanier mit ihrer Vorstellung von „Weiße sind reich und wohlhabend“ recht. Im Gegensatz zu den Leuten hier haben wir Geld im Überfluss. Einheimische leben größtenteils in ärmsten Verhältnissen. Kein Strom, keinen Wasseranschluss, noch nichtmal ein Bett. Die wenigsten können sich das leisten, was in den Supermärkten angeboten wird. Selbst die, die einen festen Arbeitsplatz haben, können von unserem ach-so-geliebten Restaurantbesuch alle paar Wochen nur Träumen. (Die Preise für ein anständiges Essen bewegen sich bei 10000TSh…Ca 5€) Aber die meisten Afrikaner können mit Pizza und Steak sowieso nicht viel anfangen. Die Kinder im Nikolaushaus schon – Die essen alles.

Zu diesen Kindern sind vergangenen Monat zwei neue dazugekommen. Edita und Edina (Ich nenn sie Eddi & Ina. Kann ich mir besser merken.) sind 4 Jahre alte Zwillinge, sehen aber aus wie Zweijährige. Ihre Mutter konnte sich aufgrund geistiger Beeinträchtigung nicht richtig um sie kümmern, weswegen Steffi die beiden vorläufig bei uns aufgenommen hat.

Zwillinge Nikolaushaus Tansania

Ina ist körperlich und geistig fit, Eddi dagegen ist in ihrer Entwicklung 2-3 Jahre hinterher. Sie kann noch nicht alleine laufen und ist viel zu klein für ihr alter. Beide sprechen nicht viel, wobei das auch an den fremden Menschen und der ungewohnten Umgebung liegen kann. In der Dispensary haben wir dann erfahren, dass sie Würmer haben. (Deswegen auch die dicken Bäuche.)

Das schlimmste jedoch waren die Sandflöhe. Die legen ihre Eier unter der Haut an Händen und Füßen ab, wo sie dann wachsen und dem „Träger“ große Schmerzen bereiten. (Was genau Sandflöhe sind kann Google am besten erklären.) Eine Mitarbeiterin hat ihnen am Tag ihrer Ankunft gleich alle Sandfloheier mit einer Nadel entfernt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie so ein Johannisbeer-großes Ei in so einen kleinen Finger passt. Und man kann sich auch nicht vorstellen, wie laut so ein kleines Mädchen schreien kann. Pole sana.

Der AIDS-Test hat übrigens ergeben, dass beide HIV-negativ sind.  Kurz vor den Zwillingen bekamen wir auch Praktikantinnen-Zuwachs. Hannah ist 22 und studiert Heilpädagogik, wofür sie hier im Nikolaushaus ein Praxissemester macht. Im Gegensatz zu uns hat sie mit ihrer Anreise alles andere als Glück gehabt. Sie ist von Frankfurt nach Nairobi geflogen und wollte dann in eine Maschiene nach Mwanza umsteigen, von wo aus man nach Bukoba fliegen kann. Leider hat sie aber in Nairobi den Anschlussflug um 11min verpasst und musste deshalb eine Nacht in Kenia verbringen. Ich wäre gestorben vor Angst – Sie hat eine Stadtrundfahrt gemacht.  Respekt.

Mit einem Tag Verspätung kam sie dann auch in Bukoba an, wo wir sie am Flughafen abholten. Nun ja, Flughafen ist relativ. Eigentlich ist es eine Rollbahn mit einigen Gebäuden, die mich an einen Sportverein erinnern. (Der TSV Kößlarn hat glaub ich so ähnliche Häuschen.)

Auch das benachbarte Waisenhaus „Bethania“ hat neue Praktikanten, mit denen wir uns sehr gut verstehen. Insgesamt sind wir jetzt fast 10 deutsche Volontäre – ich fühl mich schon fast wie in Deutschland. Einem dieser Praktikanten hab ich es auch zu verdanken, dass ich jetzt mehr oder weniger stolz von mir behaupten kann, schon einmal Heuschrecken gegessen zu haben. Vom Geschmackserlebnis her würde ich es in Richtung Fischfutter einordnen, die Konsistenz ist, wie man sie sich bei Insekten vorstellt: knusprige Pommes. Aber die Afrikaner lieben sie. Und wahrscheinlich sollte ich das auch mal tun, die Dinger sollen ja gesund sein, …Eiweiß und so.
Auf die Heuschreckenzeit (Dezember) bin ich schon gespannt. Da werden hier Schwärme von Heuschrecken rumfliegen. Ganz so, als würden sie drauf warten, gefangen und frittiert zu werden. (Wahlweise kann man sie auch lebendig essen, je nachdem, wie hungrig man ist und ob man grad eine Kochstelle in der Nähe hat.)
Katharina_2In Sachen Warentransport sind Afrikaner sehr erfinderisch. Wer mal versucht hat, ein Buch auf dem Kopf zu balancieren, weiß, wie hartnäckig die Schwerkraft gegen einen arbeiten kann. Jetzt stellt man sich das selbe Spiel mit einem Eimer voller Bananen oder einem 10 Liter Wasserkanister vor. Genau: Aua. Richtig interessant wird die Sache aber erst, wenn die auf dem Kopf zu transportierende Ware aus 10 Matratzen besteht. (Kein Witz, ich habe Beweisfotos!)

Auch auf den Pikipikis (den Motorradtaxen) wird alles transportiert: Bananen, Grasbüschel, Koffer, Sofas, Fahrräder, Großfamilien… Was halt alles so drauf passt. (Außerdem wird mit diesen Motorrädern überall gefahren, egal wie schlecht der Weg auch sein mag.)
Wir müssen unser Auto auch afrikanisch beladen, wenn wir mit dem ganzen Nikolaushaus einen Ausflug machen wollen. Der absolute Rekord sind knapp 30 Leute in und auf einem Pickup mit Ladefläche. Hinzu kamen dann noch ein Stuhl, ein 20Liter Eimer mit Kuchen, 30 Teller, entsprechend Becher, ein großer Blumenstrauß und die Taschen von uns Praktikantinnen. (Nein, kein LKW, ein ganz normaler Pickup, nicht viel größer als ein Auto). Steffi sammelt jetzt Spenden für einen Kleinbus.

Für die kommenden Wochen hab ich mir ein weiteres „Aufgabenfeld“ gesucht. Die Schwestern der Missionsstation hier in Kemondo machen viel Arbeit in den Dörfern – mit Frauen-, Kindern- und Jugendgruppen. Ich hab mich an eine Schwester gewandt, die verschiedene Frauengruppen betreut und sich bereit erklärt hat, mich mitzunehmen. Mal sehn, wie das so wird.

Für den Moment gibt es nicht mehr zu erzählen, ich hoffe, ihr seit alle wohlauf und noch nicht allzu erkältet.
Viele liebe Grüße,

Annika

Ein kleiner, starker Junge

Liebe Daheimgebliebenen,
diese Rundmail möchte ich einem kleinen Jungen namens Mugisha widmen. Er ist der Sohn einer körperlich beeinträchtigten Frau, die hier in Kemondo lebt. Der Vater ist unbekannt.

Am 1.10.2012 hat Mugisha das Licht der Welt erblickt. Da sich seine Mutter wegen ihrer Beeinträchtigung nicht ausreichend um ihn kümmern konnte, zog er ins Babywaisenhaus nach Ntoma. Dort entwickelte er sich gut, sollte bald sogar sitzen lernen. Als im „Babydorf“ ein Virus umging, erwischte es auch Mugisha. Er wurde von Steffi ins Krankenhaus nach Kagondo gebracht. Dort blieb er dann eine Woche mit seiner Mutter und einer anderen Frau, die sich um die beiden kümmerte. Die Ärzte diagnostizierten Lungenentzündung. Wir vermuteten zusätzlich Epilepsie. Vielleicht auch noch HIV und/oder Malaria. Aber da wir hier in Afrika sind, kann das nicht genau untersucht werden.

Steffi ist jeden Tag zu ihm ins Krankenhaus gefahren, um ihm und seiner Mutter Essen und Trinken zu bringen. Wenn man hier in Tansania in einem Krankenhaus liegt, muss man von Angehörigen versorgt werden. So etwas wie eine Mensa und 3mal Essen pro Tag ans Bett gebracht (und dann sogar noch von der Krankenschwester eingegeben) gibt es nicht. Außerdem kann man hier ein kleines Vermögen im Krankenhaus lassen, wenn man stationär Behandelt wird.

Letzte Woche haben wir Mugisha besucht. Das Krankenzimmer wirkte sehr trist. Von den knapp 10 Betten in dem Zimmer waren 3 oder 4 belegt. Die Patienten lagen oder saßen auf den Betten, ihre Angehörigen daneben. Niemand sprach, es tat auch sonst niemand irgendwas. Alle saßen nur da und starrten vor sich hin. Mugisha schlief. Er schlief wohl jedes Mal, wenn Steffi zu Besuch kam.

Die Ärzte entließen ihn am Montag. Da er noch nicht ganz gesund war, behielten wir ihn bei uns im Nikolaushaus. Kurz nach seiner Entlassung verschlechterte sich sein Zustand erneut. Er atmete nur noch röchelnd, hatte die Augen immer halb geschlossen, darunter schienen die Augäpfel zu flattern. Reagiert hat er nicht mehr. Steffi hat ihn zurück ins Krankenhaus gebracht, doch die Infusion, die man ihm gab, konnte ihm nicht mehr helfen.

Mugisha ist tot – verstorben am 23.10.2013.


Von Priesterweihen, Hochzeiten und Beerdigungen. Kemondo, 14.11.2013

Liebe Daheimgebliebenen,

in 2 Wochen ist Halbzeit, was ich irgendwie noch gar nicht so richtig fassen kann. Ich fühle mich, als wäre ich schon ewig hier, aber trotzdem ist alles neu und fremd. Man ist ständig mit Situationen konfrontiert, die einen anfangs etwas überfordern. Umso schöner ist dann das Gefühl, sie gemeistert zu haben. Seit einigen Wochen mache ich fast täglich einen kleinen Spaziergang mit unseren Hunden Otto und Paula. Für die zwei ist es schön, Bewegung zu haben, für mich ein willkommener Ausgleich zu den doch manchmal etwas anstrengenden Kindern.

Ich versuche auch, meinen Horizont über die Arbeit im Nikolaushaus hinaus zu erweitern. Dazu habe ich mich (wie bereits berichtet) an die Ordensschwestern in Kemondo gewendet. Sr. Neera hat mich jetzt schon ein paar Mal mit zu ihren Frauengruppen genommen. Eine solche Gruppe besteht aus ca. 5-20 Frauen aller Alterstufen. Die jüngsten schätze ich auf 20 Jahre, die ältesten auf 50. (Wobei das mit dem Alter schätzen bei Afrikanern etwas schwierig ist. Vielleicht liege ich jeweils 5 bis 10 Jahre daneben…) Die Runde an sich erinnert mich ein bisschen an einen „Weiberstammtisch“. Man (bzw. in diesem Fall Frau) ratscht, lacht, erzählt sich von Problemen, gibt sich Ratschläge. So ganz von Frau zu Frau. Die Frauen sollen lernen, ihre eigene Meinung und ihre eigenen Ideen kundzutun und über ihre Probleme zu sprechen. Sie sollen Fragen stellen, wenn sie etwas nicht wissen, und um Hilfe bitten, wenn sie etwas nicht können.

Jedes Treffen besteht aus zwei Teilen: Der Besprechung, bei der auch der „Report“ des vergangenen Monats vorgetragen wird (hierfür wird ein Reportheft angelegt) und das „Training“, sowas wie eine Unterrichtsstunde, bei dem der „Groupleader“ zu einem bestimmten Thema referiert, den anderen Frauen sozusagen etwas beibringt. Hier geht es von „Wie halte ich meine Umwelt sauber?“ über Familienplanung bis hin zu Malaria und den Anbau eines Kräutergartens, um bestimmte Krankheiten selbst behandeln zu können.

Neben der Weiterbildung der Frauen ist auch das Sparen von Geld ein Hauptanliegen der Gruppen. Jedes Mitglied zahlt im Monat einen bestimmten Geldbetrag (umgerechnet ca. 25-50cent). Dieses Geld wird dann gespart und später für eine gemeinsame Anschaffung (z.B. eine Ziege) oder einen Notfall (z.B. Krankenhausaufenthalt) verwendet. (AOK in klein, sozusagen.) Für den finanziellen Part wir ein Kassenbuch geführt. Wer wann gezahlt hat und für was wieviel Geld ausgegeben wurde. Sr. Neera hat ein Auge auf ihre Frauen und gibt ihnen Ratschläge, lässt sie aber selbst ihre Entscheidungen treffen.

Für mich ist das alles sehr interessant zu beobachten, vor allem, weil man durch die Sister auch sieht, wie die Frauen leben. Das ist nochmal ein rießiger Unterschied zum Nikolaushaus. In den (Lehm- oder Ziegel-)Häusern liegt normalerweise getrocknetes Gras aus, sodass man sich nicht auf den kalten Boden setzen muss. Möbel gibt es fast keine, die Küche befindet sich für gewöhnlich hinter dem Haus in einer winzigen extra Hütte.

Überall wo wir hinkommen, freuen sich die Menschen über die exotisch aussehenden „Wageni“ (Gäste). Wir bekommen meistens eine europäische Sitzgelegenheit (also einen Stuhl oder eine Bank) und es werden Begrüßungsreden gehalten. Oft werden auch die Kinder des Hauses gerufen, die uns dann etwas vorsingen. Einmal haben wir sogar Geschenke bekommen. (Papaya, Maracujas, Eier, Avocados und ähnliches; typisch afrikanisch verpackt in ein Bananenblatt.) Mir war das ehrlich gesagt etwas unangenehm. So arme Frauen geben so viel an uns reiche Wazungu ab – Weil Weiße hier höher gestellt sind. Damit kann und möchte ich mich eigentlich nicht anfreunden. Hin und wieder ist es allerdings doch ganz praktisch.

Wir waren auf einer Kirchenfeier (Dankesfest zu einer Priesterweihe), kamen aber etwas zu spät, sodass alle Stühle und Bänke bereits besetzt waren. Sobald uns die “Verantwortlichen” entdeckten, wurden die Tansanier aus der ersten Reihe verscheucht und der Platz uns angeboten. (Okay, angeboten ist untertrieben… wird wurden einfach hingesetzt.) Somit hatten wir eine super Sicht auf die Programmeinlagen. Es war ein großer Chor von außerhalb da, der neben mitreißenden afrikanischen Liedern auch noch Tanzeinlagen brachte. Irgendwann konnten Kati und Ich nicht mehr an uns halten und haben mit getanzt. Die ohnehin schon gut gelaunte Menge war dann natürlich ganz aus dem Häuschen – Weiße, die tanzen…unglaublich!

Feste werden hier in Tansania gut und gerne gefeiert, ganz nach dem Motto “Ganz oder Garnicht”. Die Dekoration ist üppig (und nach meinem Geschmack etwas zu kitschig), die Musik ist laut, die Reden sind lange. Jeder der etwas auf sich hält sagt ein paar Worte (oder auch ein paar Worte mehr… was ohne Sprachkenntnis sehr anstrengend sein kann. Noch ein paar Feste und ich kann mit offenen Augen schlafen.)

Kürzlich war ich auf einer Hochzeit. Die Eltern des Brautpaars sind sehr wohlhabend, weshalb ungefähr die ganze Oberschicht Bukobas eingeladen war. Die Brautleute selbst sahen aus, als wären sie einem Hochzeitsmagazin entsprungen: üppiges weißes Kleid und eleganter schwarzer Frack. Es gab Hochzeitstorten, rote Rosen, Sekt und Wein. Aber egal, wie westlich so ein Fest auch sein mag, egal, wie reich die Gastgeber sind, zu essen gibt es immer das selbe: Reis, Bohnen, Matoke (Kochbananen), undefinierbares Fleisch in undefinierbarer, roter, wässriger Soße und (wenn man Glück hat) Kohlgemüse. Afrikaner verschlingen davon rohe Mengen, uns reicht meistens ein halber Teller.

Die selbe Mahlzeit bekamen wir auch auf einer Beerdigung letzte Woche. Einer unserer Nachbarn ist an einem Hirntumor gestorben. Er war noch sehr jung (ungefähr 30) und kam aus einer großen, reichen Familie. Es wurden Zelte aufgestellt und ein Cateringservice engagiert. Die komplette afrikanische Großfamilie ist aus allen Teilen Tansanias angereist. Ich glaube, Kemondo hat noch nie so viele Autos auf einmal gesehen. Es wurden sogar zwei Polizisten an die Straße gestellt, um Unfälle zu vermeiden. Unser Kirchenchor sang sich die Kehle aus dem Leib und es waren 7 Priester anwesend. Die ganze Feier dauerte 3 Tage.

Hierbei hab ich die Kluft zwischen arm und reich am deutlichsten zu spüren bekommen. In meiner letzten Mail berichtete ich euch von Mugisha. Seine „Zeremonie“ dauerte ca. eine Stunde, musikalisch begleitet wurde alles von unseren Nikolausmamas, wir konnten von irgendwo her einen Katechisten auftreiben, der ein paar Worte sagte, als Weihwasser nahm man Trinkwasser aus einer Fantaflasche, die Trauergäste (ausgenommen der Nikolausfamilie) konnte ich an zwei Händen abzählen.

Es ist wohl nicht sehr schön, meine Rundmail mit einem so traurigen Thema zu beenden, aber mir fällt nichts passendes mehr ein.

Ich wünsche euch einen guten Start in den Winter. Schreibt mir mal, wenn’s anfängt zu schneien.
Ganz liebe Grüße, Eure Annika

Es weihnachtet sehr, Kemondo, 14.12.2013

Liebe Daheimgebliebenen,

man möchte es kaum glauben, aber sogar hier in Tansania lassen sich die zarten Glockenklänge von „Jingle Bells“ im Advent in den Straßen der Stadt vernehmen. Okay, eigentlich ist es eher eine billige Nachmache, die an die Tonqualität eines Kinderklaviers erinnert, aber der Wille zählt ja bekanntlich. Auch in einigen Geschäften wird die Weihnachtsdeko ausgepackt. „Deko“ ist hierbei ein Euphemismus, man könnte jedes Mal einen epileptischen Anfall bekommen, wenn man den bunten Lichtern und dem Lametta-Glitzer gegenüber steht. Aber trotzdem freue ich mich immer, wenn mich etwas auch nur Ansatzweise an zu hause erinnert. (Und mal ganz ehrlich, unsere Schaufensterdeko ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei.)

Im Gegensatz zu vielen Anderen werde ich in der Weihnachtszeit abnehmen. Wie vielen bereits klagend berichtet, habe ich die letzten 3 Monate aufgrund der Vorliebe für Öl unserer Köchinnen (Ja, Reis kann man auch mit Öl machen…) nette 7kg zugenommen. Die Motivation, regelmäßig Sport zu treiben, ist bei der Hitze schnell verdunstet und an eine Ernährungsumstellung war nicht zu denken… bis jetzt! Seit Anfang Dezember haben wir eine brasilianische Ordensschwester zu Gast, die unsere Köchinnen beim kochen unterstützt und ihnen etwas von gesunder Ernährung beibringen soll. Seitdem werden die Gemüsebeilagen ohne Geschmacksverstärker und der Reis in Wasser zubereitet. Ist das nicht herrlich?
Aber nun zurück zu dem, worum’s im Dezember eigentlich geht: Advent und Ferien!

St. Nikolaus und der letzte Schultag sind heuer auf einen Tag gefallen, weswegen wir Freitag auf die Schuljahresabschlussfeier gegangen sind und die Nikolausfeier auf den Samstag verschoben haben. Für die Abschlussfeier wurden von unseren Kindern im voraus Lieder eingeübt, die dann bei der Feier vorgeführt werden sollten. Wir kannten sie aber eh schon auswendig, weil sie Tag ein Tag aus im Nikolaushaus von irgendjemandem gesungen wurden. Da es vor der Feier eine Elternversammlung mit Zeugnissen gab, wurden auch gleich die besten jeder Klasse geehrt. Unsere Anajoyce, die letztes Jahr sitzen geblieben ist, war dieses Jahr Klassenbeste und bekam ein Geschenk von der Schule. Da merkt man mal wieder, dass Schulnoten nichts über die Intelligenz eines Kindes aussagen.

Am nächsten Tag war dann, wie gesagt, die Nikolausfeier bei uns im Haus. Zu Ehren unseres Namenspatrons wurde ein Gottesdienst im Wohnzimmer gehalten und die Gäste anschließend auf eine Soda und selbstgemachte Weihnachtsplätzchen eingeladen. (Danke an dieser Stelle an Kathi und Kati, die sich mit Aisha und Anita so viel Mühe gegeben haben.)

Ansonsten ist bei uns die Adventszeit wirklich eine friedliche Zeit. 9 unserer 18 Kinder sind momentan auf „Heimaturlaub“. Sie besuchen ihre Familien (bzw. das, was davon noch übrig und auffindbar ist) um so den Kontakt zu halten. Einige unserer Vollwaisen haben das Glück, zu Freunden oder Nachbarn gehen zu dürfen. Die verbleibenden Kinder sind allerdings immernoch laut genug – Maria sorgt dafür, dass man immer weiß, wo die Kinder gerade spielen. (Auch wenn man es eigentlich gar nicht wissen will.)

Für den Moment fällt mir nicht mehr ein. Ich wünsche euch friedliche Weihnachten, ganz viel Schnee und einen Feuerlöscher, falls der Christbaum anfängt zu brennen.

Viele liebe Grüße aus dem heißen Tansania, Eure Annika

Heri ya mwaka mpya, Kemondo, 5.1.2014

Liebe Daheimgebliebenen,
Rückblicke über das Jahr 2013 in Zeitung und Fernsehen, großes Feuerwerk und Menschenmassen auf der Straße um Mitternacht, ein (mittel)schwerer Kater am Neujahrsmorgen – so war unser Silvester ….. nicht.

Ich möchte vorsichtig schätzen, dass halb Tansania schlafend ins neue Jahr gerutscht ist. Bukoba lag ganz friedlich am dunklen Victoriasee, die Straßen waren bis auf einzelne Nachtschwärmer leer, kein Rauch lag in der Luft, man trat auf keine zerbrochenen Sektflaschen – kurz: Alles war wie immer. Abgesehen von 7 Wazungumädchen, die statt eines Feuerwerks den Sternenhimmel betrachtet haben. Wir durften uns in dem Haus eines deutschen Freiwilligen in Bukoba einquatieren, was uns ein bisschen Ruhe und die Möglichkeit, selbst zu kochen, verschaffte. Wir haben noch 3 deutsche Freundinnen aus umliegenden Projekten in Kemondo und Ntoma eingeladen. Dank einer dieser Freundinnen konnten wir auch die Tradition des „Dinner for One“ fortführen – Same procedure as every year 😉

Es wurde ein schöner, gemütlicher Abend, auch wenn kurzzeitig etwas Heimweh nach Freunden und Silvesterpartys aufkam. Diese Sehnsucht hatte ich auch an Weihnachten, was aber nicht heißt, dass ich es hier nicht genossen habe. Wie einige vielleicht wissen, bin ich ein kleiner Weihnachtsmuffel, wofür hier aber herzlich wenig Zeit blieb. Montag (23.12.) hatten wir eine Weihnachtsfeier im Nikolaushaus (meine erste Weihnachtsfeier bei knapp 30°C), bei der wir mit den Kindern ein Krippenspiel aufgeführt haben. Hierfür musste natürlich vorher fleißig geübt und Selbstzweifel der Kinder beseitigt werden. Wie sooft war die Generalprobe die reinste Katastrophe. Fast jeder hat geweint, der Hauptdarsteller war der festen Überzeugung, sein Sätzchen vor „soooooo viiiielen Menschen“ nicht aufsagen zu können und einer unserer kleinen Engel zerriss ständig sein Stern-Stirnband… Perfekte Voraussetzungen also. Mit ganz viel Gedult und dem guten Willen der Kinder haben wir die Aufführung dann aber gut überstanden. Ein Beweisvideo wird Ende Februar mit mir in München landen.

Für ihre Bemühungen wurden die Kinder dann an Heiligabend mit reichlich Geschenken belohnt. Es wurde ausgepackt, herum gezeigt, verglichen, die neue Kleigung angezogen, Spielzeug herumgeschmissen und verloren. Am Ende wusste keine mehr, wem was gehört. Da wir uns an diesem Abend um die Kinder und das aufräumen des Schlachtfeldes (auch bekannt als Wohnzimmer) kümmern mussten, verzichteten wir auf die Messe. (Und auch ein bisschen, weil wir uns die angekündigten 6 Stunden Eucharestie ersparen wollten….Aber Pssssst!)

Stattdessen sind wir dann am 25. morgens in den Gottesdienst gegangen. Der dauerte nur etwas länger als die normalen 2 Stunden. An diesem Nachmittag gings dann mit allen (ja genau, ALLEN!!) Kindern auf zum See. Geplant war ein Picknick, aber wegen einem verregneten Mittag haben wir schon zu hause gegessen und dann auf Sonnenschein gewartet. Am See angekommen hat uns Njunwa (unser Mann für alles) mit einem selbst gebauten Sonnendach erwartet. Wir konnten uns also ganz relaxt in den Schatten legen und Popcorn, Peanuts, Mandasi, sowie Soda und selbstgemachten Fruchtsaft genießen.
Unbedingt erwähnen muss ich natürlich das vorzügliche Essen über die Feiertage: Es wurden extra eine Ziege, ein Hahn und 2 Hasen geschlachtet und unsere Köchinnen waren kurz vor Weihnachten im Dauereinsatz. Steffi hat uns an Heiligabend ihre begnadeten Spagetti Bolognese gezaubert. Auch die Kinder und Mitarbeiterinnen waren fleißig. So wurden wir das ganze Weihnachten über mit selbst gemachten Balagala und Mandasi verwöhnt. (Fragt mich nicht, was das genau ist… stellt euch einfach in Fett rausgebackenes Gebäck vor. Das eine enthält noch eine Nuance Bananengeschmack.)

Nun, was soll ich euch sonst noch erzählen? Mein Aufenthalt hier neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, ich bin bereits in meinem vorletzten Monat. Auf unserem Plan stehen jetzt noch 2 Tage Serengeti (Ganz Touri-mäßig) und für Kati und mich am Ende unseres Afrika-Abenteuers einen Tag Kampala besichtigen. (Für die, die in Geographie nicht aufgepasst haben: Kampala ist die Hauptstadt von Uganda) Ich freu mich schon Wahnsinnig auf Deutschland, obwohl ich weiß, dass ich Afrika mit unseren Nikolauskindern, den vollen Dallas, den roten Straßen und den unglaublich freundlichen Menschen sehr vermissen werde.

Bis bald, Eure Anni

Safari, Safari!!!, Kemondo, 25.1.2014
Liebe Daheimgebliebenen,

das Wort „Serengeti“ stammt aus der Massai-Sprache und bedeutet „weites Land“. Die guten Massai neigen offensichtlich zum Understatement. Vergangene Woche durfte ich mir selbst ein Bild davon machen, es ist gigantisch!

Unsere Reise begann am Montag, den 20.1., als wir uns abends von allen Mitarbeitern und Kindern verabschiedeten und mit dem Bajaj (das Auto war kaputt) zur Fähre nach Kemondo aufbrachen. Ich hab mich mit einem großen Wanderrucksack wie eine echte Backpackerin gefühlt. Das Abenteuer konnte kommen!
Wir haben uns auf die schäbigsten Schiffskabinen eingestellt, die man sich nur vorstellen kann.(Und nach einem knappen halben Jahr Afrika kann man sich so einiges vorstellen.) Wie es aber immer ist, wenn man nichts erwartet: Man wird positiv überrascht. Für eine afrikanische Fähre waren die Zimmer purer Luxus. In Europa würde man es “einfachen Standard” nennen. Ein sauberes, gemütliches Hochbett, einen Tisch und einen gepolsterten(!) Stuhl, sowie eine Tür, die man abschließen kann und fließendes Wasser. (Hätte ich da schon gewusst, was mich in der Serengeti erwartet…… aber dazu komme ich später.)

Am nächsten Morgen kamen wir dann in Mwanza an. Von hier aus sollte einen Tag später unsere Safari beginnen. Mwanza ist eine große Stadt direkt am Victoriasee. Es ist schon seltsam, plötzlich wieder durch eine Stadt zu spazieren, in der fast alles gepflastert oder geteert ist. Auch an mehrstöckige Häuser muss sich das Auge erst wieder gewöhnen.

Viel Zeit uns umzusehn hatten wir anfangs jedoch nicht – Unser Hunger befahl uns, etwas essbares zu suchen. Kathi war vor einem Monat schon in Mwanza und kannte deshalb eine Pizzeria, in der es auch Frühstück gab. Und was für eins! Nach 5 Monaten Toast mit Peanutbutter und/oder Marmelade gönnten wir uns ein warmes Sandwich mit Ei, geschmolzenem Käse und Gemüse. Traumhaft!

Als wir dann also satt und zufrieden waren, ging es mit dem Dalla auf zum Busbahnhof um unsere Heimreise zu organisieren. (Nein, das Bild, das jetzt bei „Busbahnhof“ in eurem Kopf auftaucht entspricht nicht ganz der afrikanischen Realität. Alles etwas einfacher, chaotischer und staubiger… aber es funktioniert trotzdem… meistens.) Sobald wir aus dem Dalla ausgestiegen sind, haben sich die Tansanier gleich wie die Geier auf uns gestürzt. Wollen wir Ketten kaufen? – Nein. Wollen wir was zu trinken? Wollen wir Brot? – Nein, danke. Wollen wir jemandem unsere Rucksäcke zum tragen geben? – Nein, das geht schon. Wollen wir heiraten? – Ja, natürlich. Brautschau am Busbahnhof…

Letztendlich haben wir dann einen jungen Herrn aus der Menge gepickt, der uns zum Office unseres favorisierten Busunternehmens führte. Dort bekamen wir nicht nur unsere Rückfahrtickets nach Bukoba, sondern auch gleich noch die Handynummer des Ticketverkäufers. Was will man mehr?

Also zurück ins Zentrum von Mwanza, von wo aus wir uns ein Piki (Motorradtaxi) zu unserem Hotel nahmen. Die Zimmer dort haben die Fähre natürlich getoppt. Wir hatten eine Brausedusche mit richtig warmem Wasser und ein gaaaanz großes Bett! Nachmittags konnten wir dann endlich Mwanza unsicher machen. Der Mzungu-Supermarkt wurde besichtigt (gekauft wurde eher weniger…. pure Überforderung.), der Pizzeria wurde ein weiterer Besuch abgestattet (die Pizzen dort sind der absolute Hammer!) und zum krönenden Abschluss haben Hannah und ich noch den Markt leergekauft.

Jetzt aber mal zum eigentlichen Grund unserer Reise: Mittwoch, 22.1., Start der Safari am Ryans Bay Hotel. (Eins der Hotels, bei dem ich mich sogar in der Toilette einmieten würde.) Wir wurden unserem englischsprachigen Driver vorgestellt (dessen Namen ich auch nach dem 5. Mal wiederholen nicht verstanden hab. Irgendwann sollte man einfach nur noch nicken und lächeln.) und bezogen den LandRover, der uns die nächsten 2 Tage durch die Serengeti kutschieren sollte. Nach zwei Stunden Fahrt auf der einzigen Straße weit und breit (Wegbeschreibungen von einer Stadt zur anderen sind hier idiotensicher) erreichten wir dann den Nationalpark.

Und wie gesagt, die Serengeti ist rießig! Man fährt und fährt und guckt und guckt und es hört einfach nicht auf. Am ersten Tag sahen wir nur hin und wieder mal ein anderes Auto.(Ganz im Gegensatz zu Tag 2… Es gibt doch ernsthaft Menschen, die diese Safari-Hüte aufsetzen!? Teilweise waren die Touris lustiger anzuschaun als die Tiere) Aber man ist ja auch nicht zum Touristen beobachten in der Serengeti. Man will Tiere sehn. Und das haben wir! Die Zebras konnte ich bald nichtmehr zählen, auch die rießigen Elefantenherden, die direkt neben dem Weg die Bäume malträtiert haben waren nicht zu überblilcken. Eine dunkelgraue Masse, die gemütlich vor sich hinmampft. An den Wasserlöchern zeigte uns unser Driver Hippos und Krokodile. Wie groß so ein Hippo ist, konnten wir anfangs beim besten Willen nicht beurteilen, ragte ja nur der Kopf aus dem Wasser. Die Krokodile halfen uns dann aber weiter. Wir durften/mussten beobachten, wie sich 40 dieser netten Kerlchen (die auch nicht grad Handtaschengröße haben) über ein totel Nilpferd hermachten, das diesmal nur den Kopf unter Wasser hatte. Am Rest des Körpers (bzw das, was davon noch übrig war) konnten wir uns ein Bild dieses massigen, ja gigantischen Tiers machen.

Auch Büffel und Gnus, sowie Antilopen bekamen wir zu Gesicht. Hierbei konnten wir nicht aufhören unseren Fahrer zu bewundern. Er blickte ganz plötzlich gebannt irgendwo in die Weite.. und wir durften dann raten was er entdeckt hat. Meistens musste er es uns aber erst erklären. Mit bloßem Auge konnte ich nur schwarze Punkte am Horizont erkennen… Unser Driver identifizierte sie als Büffel.

Auch als wir vor einem großen Baum standen (vor dem sich schon eine Gruppe Safari-Autos versammelt hatten), sahen wir ewig nicht, was denn hier so interessant war. Aber wie bei diesen optischen Täuschungen, wenn man einmal kapiert hat, was da versteckt ist, ist es ganz einfach zu erkennen. Und so durften wir einem Leoparden zusehen, wie er auf einem Ast schlief und sich ab und zu gelangweilt den Touris zuwandte.

Den König der Tiere haben wir dann ganz zum Schluss bestaunen dürfen. Nach stundenlanger Suche durch den halben Nationalpark – wir hatten aufgegeben und waren auf dem Heimweg – lagen plötzlich 4 Löwen (ein Männchen, drei Weibchen) am Wegrand. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

Der wahrscheinlich euphorischste Moment war jedoch die Ankunft in unserer Herberge in der Serengeti. Okay, tut mir Leid, Herberge ist dem nicht würdig… es war eine Luxusunterkunft. Wir hatten ein „Camp“ gebucht, wo wir Zelte und ein Luchpaket erwarteten. Ja, Zelte hatten wir… nur halt im Luxusformat. Mit Badezimmer, so groß wie unsere Schlafzimmer im Nikolaushaus… und sogar einer Badewanne!!! BADEWANNE!!! Mit heißem Wasser! Und ein Daunenbett. Und das Essen war der absolute Wahnsinn! Das war kein afrikanischer Luxus, das war europäischer Luxus. Die Angestellten waren auch alle etwas amüsiert, als wir mit „Oh!“ und „Ah!“ unsere Zimmer bestaunten. Ich schätze, in dieses Camp verirren sich nicht viele Freiwillige mit Backpacker-Rucksack. Unser unelegantes Auftreten (wir hatten weite Goa-Hosen und Flip-Flops dabei… angebracht wären Poloshirt und Ballerinas) machten wir dann aber mit unseren Swahilikenntnissen wieder wett. Eine lange Unterhaltung bringe ich nicht zustande, aber einfache Sätze über meine Arbeit und meine Familie kann ich formulieren und verstehen tu ich auch das meiste. (Vorausgesetzt, mein Gegenüber redet nicht wie ein Wasserfall.)

 Diese Reise war ihr Geld definitiv wert. Ich war erstaunt, wie gut wir uns in einer komplett fremden Stadt zurechtgefunden haben. Wie gut wir überhaupt damit klar kamen, alleine in einem doch noch fremden Land zu reisen. Ich würde es jederzeit wieder tun und werde auch in den nächsten Jahren wieder zurück nach Tansania kommen.

Meine Zeit hier ist bald um. Ich hoffe, euch zuhause alle gesund und munter anzutreffen. In diesem Sinne: Bis bald, ich werde mich nach meiner Heimreise vielleicht nochmal per Mail bei euch melden.
Eure (bald wieder ganz deutsche) Anni

 

 

  • NIKOLAUSHAUS e.V. St. Nicholaus Children´s Center, Kemonodo
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