ANNA-LEA KRONPASS

Mambo meine lieben Freunde in Deutschland,

Seit nun einer Woche lebe und arbeite ich jetzt schon im St.Nikolaushaus in Kemondo, Tansania. Kemondo ist ein Dorf ca. eine halbe Stunde von Bukoba entfernt. Wir wohnen wunderschön zwischen Palmen, Bananenbäumen und dem Viktoriasee. Leider liegt unser Haus in einem kleinen Funkloch, deswegen habe ich hier auch kein Internet und muss immer erst eine dreiviertel Stunde mit dem Dala (öffentliche Kleinbusse) bis nach Bukoba fahren. Daher werde  ich mich nicht allzu oft melden können.

Die Kinder haben mich sehr lieb im Nikolaushaus empfangen. Die erste Woche habe ich viel beobachtet, wie hier so der Tagesablauf vor sich geht. Morgens Toasts schmieren, dann gehen einige Kinder in die Schule, während die Kleinkinder und die behinderten Kinder eine Betreuung im Nikolaushaus bekommen. Nachmittags trudeln dann alle so nach und nach wieder ins Nikolaushaus ein, es werden Hausaufgaben erledigt, gespielt, Rad gefahren etc. Danach werden alle geduscht, dann gibt es Abendessen und dann geht’s für die Kleinen auch schon wieder ins Bett. Die Großen dürfen bis 9 wachbleiben und wir spielen noch gemeinsam im Wohnzimmer Uno  oder anderes. Im Moment wohnen hier 18 Kinder, die zwischen 2 und 17 Jahre alt sind. Doch bald schon sollen noch zwei neue Jungs hinzukommen. Alle Kinder sind sehr unterschiedlich, einige sind Voll- oder Halbwaisen, andere haben eine geistige oder körperliche Behinderung oder sind auch HIV-positiv. Im St. Nikolaushaus werden Kinder aufgenommen, die von ihren eigenen Familienangehörigen nicht ausreichend versorgt werden können, z.B. Waisenkinder, die keine Familie mehr haben, behinderte Kinder, mit deren Versorgung die Familie überfordert ist oder auch Kinder von behinderten Eltern, die sich wegen ihrer eigenen Behinderung nicht ausreichen um ihre Kinder kümmern können.

Bevor ich nach Tansania gereist bin, war ich noch zwei Tage in Uganda. Erst in Entebbe (dort ist der Flughafen, an dem ich ankam) und dann noch in Kampala (Hauptstadt von Uganda). Das war ein schöner Urlaubs-Afrika-Einstieg. Freitag-Abend konnten wir noch eine sehr beeindruckende afrikanisch-ugandische Trommel- und Tanzshow in Kampala besuchen. Und am nächsten Morgen ging es dann schon mit dem Auto weiter bis zur tansanischen Grenze und dann nach Bukoba und Kemondo.

Ich genieße es sehr wieder in Afrika zu sein.

Ganz viele liebe Grüße (aus dem momentan bisschen verregneten Tansania)

Eure Lea


Meine lieben Freunde,

Jetzt kommt endlich mal mein erster wirklicher Bericht. Ich bin ja jetzt schon die siebte Woche hier in Kemondo, habe es aber leider noch nie geschafft mich mal länger hinzusetzen und aufzuschreiben was alles so passiert ist. Aber jetzt. Besser spät als nie 😉 Es ist nämlich eine ganze Menge passiert die letzten Wochen. Kein Tag ist hier wie der andere; jeder Tag bringt etwas Neues, Spannendes, Aufregendes, Schönes, Trauriges etc. aber das ist auch nicht verwunderlich, wenn man mit 21 Kindern zusammenlebt, da ist einfach Bewegung im Haus.

So jetzt stellt sich die große Frage, wo soll ich überhaupt zu erzählen beginnen. Vielleicht erstmal bei meiner Arbeit an sich: ich bin hier im Schichtdienst eingeteilt, so wie noch drei andere Frauen und zwei Klosterschwestern, die auch mit uns hier im Haus leben und arbeiten. Untertags kommen dann noch Teilzeitkräfte ins Haus, z.B. die Köchinnen, Putzmädchen, Kinderbetreuerinnen, Gärtner, Nachtwächter etc.

Ich habe einen genauen Wochenplan, in dem eingetragen ist, an welchem Tag ich in welcher Schicht arbeite. Es gibt vier verschiedene Schichten: Frühschicht ist von 6 bis 14 Uhr, Spätschicht von 13 bis 21 Uhr, Teilschicht von 6 bis 9 Uhr und dann nochmal von 17 bis 21 Uhr und dann noch der „outpatient clinic“-Dienst (die outpatient clinic ist ein Gebäude auf unserem Grundstück, wo unsere behinderten Kinder untertags separat betreut und gefördert werden. Einmal in der Woche kommt dafür eine Schweizer-Heilpädagogin. Samstags vormittags kommt zusätzlich zu der Heilpädagogin noch ein tansanischer Physiotherapeut. An dem Tag dürfen dann auch behinderte Kinder aus den umliegenden Dörfern kommen, um kostenlos behandelt zu werden.) Dieser Dienst geht von 8.30 bis 16.30 Uhr. Je nach Dienst habe ich unterschiedliche Aufgaben. Wenn ich ab 6 Uhr Dienst habe mache ich z.B. das Frühstück für die Kinder (Toasts schmieren). Vormittags bin ich dann bei der Betreuung der Kleinkinder oder der behinderten Kinder dabei. Und nachmittags beschäftige ich mich dann mit den Großen. Mit den drei ältesten mache ich Hausaufgaben und ich habe begonnen, sechs Kindern Flötenunterricht zu geben. Jeder bekommt pro Woche eine Einzelstunde (ca 30 Minuten). Ansonsten gehe ich auch öfters mit unserem kleinen autistischen Jungen im Wald spazieren, um ihm bisschen Abwechslung und Ruhe zu bieten, da der Umgang mit ihm im Haus relativ schwierig ist. Er schreit viel, rennt immer weg, d.h. man kann ihn nie von der Hand lassen bzw. muss ihn einsperren, er schmeißt gern Sachen durch die Gegend und schlägt auch mal gerne. Doch unsere Spaziergänge im Wald sind sehr harmonisch. Ich singe viel, um eine schönerer entspannte Atmosphäre zu schaffen und manchmal setzten wir uns dann einfach auf den Waldboden und er spielt mit Sand, Gras und Steinen. Oder er setzt sich auf meinen Schoß und hört meinem Singen zu und beobachtet die Blätter der Bäume.

Mit den größeren Kindern mache ich auch manchmal nachmittags, wenn Zeit ist, kleinere Ausflüge, d.h. wir spazieren zusammen zum Strand oder fahren mit dem Fahrrad ins Dorf. An einem Sonntagnachmittag sind wir auch mit den älteren Kindern eine Zeit lang spazieren gegangen, bis zu einem etwas entfernter liegenden Strand und haben uns dann mit zwei Fischerbooten über den Viktoriasee bis zu unserem „Strand“ schippern lassen. Das war auch ein sehr schöner und spannender Ausflug. Diese Fischerboote sind relativ niedrig, so dass eigentlich ständig bisschen Wasser im Boot steht, dass man immer wieder rausschöpfen muss.

Abends helfe ich dann beim Duschen, Wickeln und Füttern der Kinder. Die Kleinsten gehen nach dem Abendessen um 19 Uhr ins Bett, die Mittleren um 20 Uhr und die Großen um 21 Uhr. Wir sitzen dann immer noch abends zusammen im Wohnzimmer, spielen Spiele, häkeln, ratschen, singen etc. und dann wird durch ein gemeinsames Gebet der Tag um 21 Uhr beendet.

Genau, so sehen meine normalen Arbeitszeiten aus. Nur passiert drum herum natürlich noch viel mehr.

Im Laufe des letzten Monats haben wir drei neue Kinder bekommen. Der erste war Innocent, drei Jahre alt, cerebrale Bewegungsstörung. Er war letztes Jahr schon einmal für ein paar Monate hier. Er hat eine Familie, die sich theoretisch um ihn kümmern könnte (das Nikolaushaus nimmt ja eigentlich nur Kinder auf, die keine Eltern mehr haben bzw. bei denen es keine weiteren Verwandten gibt, die sich ausreichend um sie kümmern könnten), doch da er weder krabbeln, noch laufen, noch sprechen noch selbstständig essen kann, ist seine Familie mit seiner Betreuung bisschen überfordert und bat noch einmal um seine Aufnahme. Jetzt darf er mal vorerst bis Dezember 2014 bei uns bleiben und dann sehen wir weiter. Doch jetzt über die Osterfeiertage hat ihn seine Familie zu sich geholt. Das finde ich sehr schön zu sehen. Es gibt viele Kinder bei uns im Haus, die noch irgendwelche Angehörige in der Umgebung hätten, Geschwister, Elternteile, Onkel, Tanten, Großeltern etc. und es ist auch vertraglich ausgemacht, dass diese regelmäßig vorbeischauen und die Kinder besuchen. Doch in der Realität passiert das leider kaum. Dann ist es umso schöner zu sehen, dass diese Familie ihren kleinen Jungen für Ostern extra mitheimgenommen hat.

Dann haben wir noch zwei neue Jungs bekommen, Brüder: Kalokola (3 Jahre alt)) und Mwesiga (5 Jahre alt). Sie haben eine geistig behinderte Mutter, die sich nicht ausreichend um sie kümmern kann, daher lebten sie bei dem Onkel ihres verstorbenen Vaters, einem sehr alten Mann. Die zwei Jungs sind an sich gesund, also keine Behinderung, aber sie wirkten vernachlässigt und bisschen entwicklungsverzögert. Kathi und ich waren dabei, wie wir sie abgeholt haben. Sie lebten in einer kleinen Hütte mit Strohdach und Strohboden mitten im Nirgendwo, zwischen Bananenbäumen. Sonst war da nichts in der näheren Umgebung außer Pflanzen. Die ersten Tage sind die zwei noch etwas verwirrt und unsicher durch unser Haus gestolpert, doch mittlerweile entwickeln sie sich prächtig. Man kann jeden Tag beobachten, wie sie mehr aufblühen, mutiger werden, spielen (ich glaube sie haben davor noch nie ein Spielzeug oder einen Stift in der Hand gehalten. Das war schon spannend zu beobachten) und immer mehr sprechen lernen (sie konnten, wie sie herkamen, leider nur ihre Muttersprache Kihaya und kein Swahili, doch Kinder lernen ja echt schnell). Sie entwickeln sich wirklich gut und nehmen auch gut an Gewicht zu. Sie waren ziemlich mangelernährt, was man z.B. auch an den Haaren erkennen kann, die sind nämlich nicht so schwarz und kraus wie normal bei Afrikanern, sondern eher hellbraun und weich gelockt. Die beiden hatten bei ihrer Ankunft sehr viele „Funza“ (Sandflöhe) in Händen und Füßen. Das sind kleine Würmer, die sich unter die Haut bohren und dort ihre Eier ablegen. Unsere Mitarbeiter haben sie in einer stundenlangen „OP“ entfernt (sie haben mit einer Sicherheitsnadel einen kleinen Schlitz in die Haut gemacht, von außen sieht man an den Stellen kleine schwarze Punkte, und dann die weißen Eier herausgepresst). Die zwei hatten wirklich viele und haben mir sehr leid getan. Das rausschneiden ist sehr schmerzhaft, sie haben viel geweint, und danach waren ihre Fußsohlen offen und wund, so dass sie sehr schlecht laufen konnten. Vor allem bei dem älteren war es schlimm. Er hat jetzt noch eine etwas komische Gangart, was wahrscheinlich von dieser „Schonhaltung“, dem schonenden Gehen kommt, das er sich mit den vielen Sandflöhen in seinen Füßen angewohnt hatte. Der ältere ist überhaupt etwas mehr entwicklungsverzögert als der jüngere, aber er entwickelt sich trotzdem gut. In den drei Wochen bei uns hat er schon 1,8 kg zugenommen und liegt somit das erste Mal seit seiner Geburt nicht mehr im roten Bereich. Ich habe für die zwei Jungs Krankenkarten ausgefüllt, da es keine offiziellen von ihnen gab. Es gab nur ein Din A5 kariertes Heft, in das regelmäßig das Gewicht eingetragen wurde. Wir waren mit den beiden im Krankenhaus, für einen gesundheitlichen Check und haben uns solche Krankenkarten ausfüllen und mitgeben lassen. Ich durfte dann das Gewicht aus dem Heft in die Karte übertragen und somit ein Gewichtsdiagramm erstellen. Erschreckend war, dass beide seit ihrer Geburt schon im roten Bereich waren, also sehr unterernährt. Doch mittlerweile sind beide im grauen Bereich. Juhuuu 😀 und wir haben mit ihnen eine Aidstest gemacht und sie sind beide negativ. JUHUUUU 😀 das hat mich so gefreut. Doch leider waren wir am gleichen Tag mit unserer Jüngsten (2 Jahre alt, HIV-positiv) auch im Krankenhaus für die monatliche Kontrolluntersuchung, und wir mussten sie wegen einer Lungenentzündung stationär im Krankenhaus lassen. Das hat uns alle sehr geschockt, da noch nie eins unserer Kinder stationär im Krankenhaus bleiben musste. Und meine Anleiterin hat schon so manche Kinder tot aus dem Krankenhaus abholen müssen (da sie ein Auto besitzt wird so öfters von Dorfbewohnern um einen „Leichentransport“ gebeten), weswegen ihre Erfahrungen und das Vertrauen in das Krankenhaus nicht sehr gut sind. Zum Glück hat das Mädchen noch einen Vater, der sich dazu bereiterklärt hat, mit ihr im Krankenhaus zu bleiben. Nach drei Nächten konnten wir sie auch wieder abholen und mittlerweile geht es ihr wieder sehr gut.

An einem Nachmittag durfte ich auch zu einem Hausbesuch mitfahren. Meine Anleiterin bekommt oft von Familien Anfragen, ein Kind bei uns im Nikolaushaus aufzunehmen. Wenn ihr die Anfrage und Erklärung sinnvoll erscheint, macht sie als nächstes einen Hausbesuch, um das Kind persönlich kennenzulernen und um die häuslichen Verhältnisse selber sehen und somit besser einschätzen zu können. In der Regel legt sie nach dem Hausbesuch die Anfrage, wenn sie die Aufnahme des Kindes für nötig hält, dem Vorstand des Nikolaushauses vor, außer es handelt sich um einen „Notfall“, dann können wir die Kinder auch schon mal sofort zu uns holen. Wir haben eine zwanzig-jährige junge Frau besucht, die mit ihrem kleinen Bruder alleine lebt und sich um ihn kümmert. Der Junge ist 13 Jahre alt und halbseitig gelähmt. Er spricht auch kaum. Letzten Frühjahr ist ihre Mutter gestorben und diesen Januar noch ihr Vater. Zurück blieben die zwei Kinder. Das Mädchen kümmert sich sehr gut, die Hütte wirkte sauber und der Junge gepflegt. Daher handelt es sich nicht um einen unbedingten Notfall, da der Junge anscheinend schon gut bei der Schwester aufgehoben ist. Dennoch ist ein eindeutiger Bedarf für eine Aufnahme im Nikolaushaus sichtbar und dieser Fall wird an den Vorstand weitergehen. Es war total interessant bei diesem Hausbesuch dabei gewesen zu sein, weil ich so auch mal mehr über die organisatorischen Bedingungen erfahren habe, z.B. was die Aufnahmekriterien sind und wie so eine Neuaufnahme abläuft.

Kathi hatte im April auch Besuch aus Deutschland und wir haben den Anlass genutzt, um für drei Tage nach Mwanza zu fahren. Tansanias zweitgrößte Stadt. Davon habe ich ja schon kurz berichtet und auch schon ein paar Fotos hochgeladen. Das war wie ein „Klein-Urlaub“ für mich und ich habe es sehr genossen. Mwanza ist eine sehr schöne Stadt, obwohl sie so riesig ist. Es gibt sogar eine Pizzeria, einen Chinesen und eine Bäckerei (mit echten Schokocroissants. Lecker 😀 ). Das heißt, wir haben auch die Gelegenheit genutzt und sind ein paar Mal schön Essen gegangen (wir essen ja normalerweise im Nikolaushaus mit den Kindern mit, und da gibt es so ziemlich jeden Tag Reis mit Bohnen; manchmal auch mit bisschen Gemüse. Es schmeckt nicht schlecht, ich kann mich nicht beklagen, ich werde satt. Aber bisschen einseitig ist es auf die Dauer trotzdem). Aber das coolste war schon die Hin- und Rückreise mit der alten Viktoria-Fähre. In der Nacht über den Viktoriasee. In unserer Schiffskabine kam ich mir vor wie in einem alten Film. Es war einfach wunderbar. Ich habe in Mwanza auch noch eine Freundin aus meinem MaZ-Jahrgang getroffen, die momentan auch wieder in Tansania zu Besuch ist. Das war schon sehr schön, sich wieder in Afrika zu treffen. Deutschland wäre ja langweilig 😉 ich hatte nur noch eine unschöne Erfahrung in Mwanza, weil mir fast meine Handtasche gestohlen wurde. Wir sind abends von der Innenstadt in unser Hotel zurückgegangen. Es war schon dunkel, da es ca. 20 Uhr spät war. Ich hatte meine Handtasche über der Schulter hängen. Plötzlich kommt von hinten ein Mann angerannt und versuchte mir die Handtasche unter meinem Arm rauszuziehen. Glücklicherweise hing die Tasche noch mit dem Riemen an meiner Schulter. Ich habe einfach nicht losgelassen und fest gezogen. Glücklicherweise war die Tasche aus stabilen Leder und ist nicht gerissen. Der Dieb hat mich noch zu Boden gezogen und bisschen über den Boden geschleift, daher hatte ich ein paar Kratzer und blaue Flecken, aber mehr ist mir zum Glück nicht passiert. Ich hatte früher an dem Tag Geld abgehoben, deswegen wollte ich auf gar keinen Fall meine Tasche verlieren, weil meine Bankkarte und das ganze Geld darin war, deswegen habe ich so verbissen gezogen. Es kam dann auch bald ein anderer Mann angerrannt, um mir zu helfen und da ist der Dieb dann auch weggelaufen. Ich hatte wirklich viele Schutzengel und sehr viel Glück, auch dass jemand anderes noch gekommen ist, um mir zu helfen. Es war mir auf jeden Fall eine Lehre und ab jetzt trage ich meine Tasche in Großstädten wieder um den Bauch. Aber es war auf jeden Fall auch mal eine spannende Erfahrung 😉

Außerdem gab es im letzten Monat noch einige Feste zu feiern. Zuerst hatte meine Anleiterin und einer der großen Jungs am gleichen Tag Geburtstag. An dem Tag selber haben wir ein Geburtstagsfrühstück veranstaltet, mit selbstgebackenem Brot und Kuchen (Mandarinenkuchen, Fantakuchen und Schokostreuselkuchen) und nachmittags sind wir mit den großen Kinder an unseren nächstliegenden Strand gefahren. Am darauffolgenden Wochenende sind wir noch mit allen Kinder an den Strand von Bukoba gefahren und haben dort Soda getrunken und kleine Snacks gegessen (Kuchen, mandazi, Erdnüsse, Popkorn). Feste laufen hier ziemlich ähnlich ab wie im Kongo. Der Kuchen und die Geschenke werden in einer feierlichen Prozession, singend und tanzend, den Geburtstagskinder an den Sitzplatz gebracht. Und am Ende der Feier werden noch ein paar Dankesreden geschwungen. Wir hatten noch ein kleines Ständchen vorbereitet. Kathi und ich haben den älteren Kindern beigebracht „wie schön, dass du geboren bist“ zu singen, auf Deutsch, und wir haben sie auf der Gitarre begleitet. Ich habe bisschen gezittert, ob es klappen wird, da sich die Jungs auch bisschen geschämt haben zu singen, aber im Endeffekt haben sie es alle super gemacht. Ich habe mich sehr gefreut, dass die Kinder so dabei waren.

So und dann war natürlich auch noch Ostern. Zum einen haben wir viel Zeit in der Kirche verbracht. Los ging es an Palmsonntag, wie wir mit echten Palmwedeln in der Kirche waren. Dann an K-Freitag drei Stunden, Samstagabend Osternacht von 20 bis 23.30 Uhr (samt Taufe von ca. 30 Menschen: Babys, Kinder und Erwachsene), Ostersonntag-Morgen normale Messe von 8 bis 10 und am Montag noch einmal dasselbe. Samstag haben wir mit ein paar Kindern Eier gefärbt, da kam ich mir fast vor wie in Deutschland, und Samstagabend haben Kathi und ich noch 21 Osternester gebastelt. Sonntag früh vor der Kirche durften dann die Kinder ihre Osternester suchen und danach ging es in die Messe (in der Osternacht waren wir ohne Kinder). Nach der Kirche kam ein gemietetes Dala und hat die Hälfte unserer Mannschaft (also 10 Kinder und 8 Erwachsene) nach Bukoba gefahren. Dort haben wir in einem Strandlokal mittaggegessen und saßen dann noch den ganzen Nachmittag mit Popcorn am Strand und haben gechillt, die Sonne und die Feiertagsstimmung genossen. An dem Strand war an Ostern ziemlich viel los. Je später es wurde, desto mehr Menschen kamen, in schönem Sonntagsgewand, haben sich an den Strand gelegt, paar Kinder sind geschwommen, es wurde eine Wasserrutsche aufgebaut, es gab Süßigkeiten und Eisverkäufer und sogar einen abgetrennten Diskobereich. Die Stimmung war wie auf einem Sommerfest. Richtig schön. Wir mussten nur um 17 Uhr schon wieder heimfahren, damit wir die Kinder noch rechtzeitig duschen und ins Bett bringen. Am Montag hat meine Chefin das Ganze noch einmal mit der zweiten Hälfte unserer Gruppe veranstaltet. Weil alle zusammen wäre zu viel geworden.

Kathi und ich haben dafür am Montag wieder einen kleinen Backmarathon gestartet (von 11 bis 21 Uhr ist der Ofen auf Hochtouren gelaufen). Am Dienstag war nämlich die Abschiedsfeier von der einen Schwester, die bei uns gewohnt hat, aber jetzt von ihrem Orden aus versetzt wurde. Wir haben mit allen Kindern und Mitarbeitern und ein paar Gästen wieder ein großes Frühstück veranstaltet. Also haben wir einfach mal 50 Muffins, zwei Kuchen und Hefezöpfe gebacken. Bei 21 Kindern, 20 Mitarbeitern und Gästen sind viele Münder zu füllen. Das Frühstück war sehr schön, aber natürlich auch traurig. Wie bei jedem Fest wurden am Ende Reden gehalten und dabei sind auch ein paar Tränen geflossen. Nachmittags, nach ihrer Abfahrt, war die Stimmung dann ein bisschen gedrückt, weil v.a. auch die großen Kinder es richtig realisieren, dass die Schwester zwei Jahre mit ihnen gelebt hat und jetzt nicht mehr wieder kommt. Ich bin mit ihnen dann nachmittags zum Strand spaziert und wir haben ein paar Spiele gespielt, um sie bisschen abzulenken.???????????????????????????????

Genau das waren die großen Festlichkeiten der letzten Zeit.

Mir geht es wirklich sehr gut hier und ich finde die Arbeit unglaublich spannend. Natürlich kann es auch anstrengend werden. Zum einen, weil ich ja im Haus mit lebe und daher im Prinzip 24 Stunden zur Verfügung stehe. Auch wenn ich offiziell nicht „Dienst“ habe, kommen die Kinder natürlich gerne an meine Tür oder mein Fenster und wollen etwas unternehmen. Aber das ist ja andererseits auch genau das Besondere und Einzigartige an der Stelle hier, dass ich komplett mitten drin bin. Und nicht komme und wieder gehe. Ich bekomme alles mit, vom Aufstehen bis zum Bett gehen und das Schlafen im Prinzip ja auch (es kommt schon mal vor, dass so ein paar Kinder in der Nacht lauthals schreien oder auch lachen).Zum anderen gibt es natürlich hin und wieder auch so einige pädagogische Herausforderungen, z.B. wollte der erste schon den Flötenunterricht abbrechen (obwohl er der Beste ist) oder ein anderer ist mal weggelaufen oder fängt bei den Hausaufgaben zu weinen an. Kritisch sind auch immer Familienthemen. Vor allem die Kinder, die jetzt in ein jugendliches Alter kommen, verstehen langsam, dass sie keine Eltern haben bzw. von ihren Eltern ausgesetzt wurden. Das muss man auch erst einmal verarbeiten und manche haben damit verständlicherweise zu kämpfen.

Aber das sind alles Herausforderungen, bei denen es echt Spaß macht, sich ihnen zu stellen. Ich muss auch sagen, dass die großen Jugendlichen oft anstrengender sein können als unsere behinderten Kinder. Jeder ist einfach einzigartig.???????????????????????????????

Auch wenn ich mir jetzt schon den dritten Hautpilz eingefangen habe und auch schon einmal an einem Tag zwei kleine Schlangen in meinem Zimmer hatte, käme ich nicht auf die Idee hier wegzuwollen. Obwohl mir schon mal ins Auge gepinkelt wird, mir manchmal der Sabber über die Schultern rinnt und ich jeden Tag diverse Körperflüssigkeiten und Essensreste an meiner Kleidung kleben habe, gibt es so viele kleine und schöne Moment, die es wert machen hier zu sein: z.B. wenn ein Kind mit ausgebreiteten Armen auf dich zu rennt und deinen Namen ruft, wenn du ein Kind trägst und es seine kleinen Ärmchen um deinen Hals legt, um sich festzuhalten, wenn ein kleiner Junge beim wickeln einfach mal „nakupenda“ (ich mag dich) sagt oder ein 12-jähriger Junge beim spazieren gehen seine Hand in die deine schiebt. Und überhaupt jedes Lächeln, jedes kleine Glitzern in den Augen, jedes Lachen, das durch unsere Räume schallt, machen meine Zeit hier sehr wertvoll und wunderschön.

Tut mir sehr leid, dass dieser Bericht jetzt so lang geworden ist. Ich hoffe ihr bereut es nicht, euch bis zum Ende vorgekämpft zu haben.???????????????????????????????

Ich wünsch euch alles Gute und bis bald.

Gaaanz viele liebe afrikanische Grüße aus Kemondo,

Eure Lea bzw. „Aanaleya“ (wie mich die Kinder hier nennen)

 

nur ein kurzes Update

 

Habari yako?

Meine Lieben, ich melde mich gerade aus einem Kurz-Urlaub (3 Tage) in Mwanza. Daher nutze ich das gute Internet in Tansanias zweitgrößter Stadt und lade ein paar neue Fotos hoch. Das allercoolste war die Fahrt von unserem Dorf Kemondo nach Mwanza. Wir sind nämlich über Nacht mit der 100 Jahre alten deutschen Fähre über den Viktoriasee geschippert. Das war genial 😀 ich kam mir vor wie in einem alten Film 😀 lustig war auch, dass mindestens die Hälfte der Fähre mit Bananen beladen wurde (als gäbe es in Mwanza nicht auch genug Bananen ?? ). Kathi hat momentan Besuch aus Deutschland, deswegen wollten wir bisschen was unternehmen und schauen uns Mwanza an. Eine sehr schöne Stadt. Ach hier ist es einfach überall schön 😀

Ich hoffe bald mal wieder bisschen Zeit zu finden, um mehr zu schreiben und euch ausführlicher zu berichten, was während meinem ersten Monat Praktikum hier so los war. Das war nämlich eine ganze Menge (über neue Kinder im Heim, Geburtstagsfeiern, Hausbesuche, Flötenunterricht, kleine pädagogische Herausforderungen, und der ganz normale tägliche Wahnsinn im Nikolaushaus). Aber jetzt erst mal viel Spaß mit den neuen Fotos.

Gaaaaaanz liebe afrikanische Grüße aus Mwanza

Eure Lea

Hallo meine lieben Freunde,

hier kommt endlich mein zweiter Bericht, der sogleich schon mein „Halbzeit-Zwischenbericht“ ist. Ja, unglaublich oder? Die Hälfte meines Praktikums ist jetzt schon wieder vorbei. (Das Praktikum geht offiziell 22 Wochen. Ich bin jetzt schon ca. zweieinhalb Monate hier und werde noch bis Mitte August an meiner Stelle bleiben). Ich hatte diese Woche meine Zwischenreflexion. Einerseits vergeht die Zeit echt schnell. Andererseits habe ich auch das Gefühl, schon lange hier zu sein und mittlerweile auch voll angekommen zu sein. Aber es liegt auch noch einige Zeit vor mir. Schließlich komm ich erst Anfang September wieder nach Deutschland (gut, ich werde nach meinem Praktikum noch zwei Wochen rumreisen, deswegen erst Anfang September). Ich vergleiche natürlich auch immer wieder mit meinem Jahr im Kongo. Und da waren die ersten zweieinhalb Monate ja noch Garnichts im Vergleich zu einem ganzen Jahr. Ich glaube, man lässt sich einfach auf sechs Monate ganz anders ein, als auf ein Jahr, weil sechs Monate von Anfang an absehbarer erscheinen als ein ganzes Jahr. Zumindest empfinde ich das so. Zeit ist einfach eine unglaublich relative Sache.

Aber das viele Nachdenken über die Zeit bringt eigentlich eh nichts. Ich bin jetzt hier, lebe jeden Tag mein afrikanisches Leben und genieße es sehr.

“Lerne aus der Vergangenheit, träume von der Zukunft, aber lebe hier und jetzt”

Dann erzähl ich mal bisschen, was in letzter Zeit so passiert ist. Schwierig, wo anfangen? Irgendwie passiert hier jeden Tag so viel 🙂 kein Tag verläuft letztendlich so, wie man ihn sich vielleicht in der Früh vorgestellt hat. 🙂

Ich hatte ja schon erwähnt, dass eine Zahnärztin bei uns war. Darauf hin fuhren wir zwei Wochen später mit den Kindern und Mitarbeitern, bei denen es nötig war, nach Bukoba in das Krankenaus, wo die Griechin arbeitet. Jedem mussten ein paar Löcher gefüllt werden und so manchen auch ein paar Zähne gezogen werden. Sie kamen alle ziemlich kleinlaut wieder nach Hause. Vor allem die Mitarbeiterinnen. Denen wurden ja bleibenden Zähne gezogen, das muss sicher sehr schmerzhaft sein. Und dann bedenke man noch die psychische Aufregung, die hinzukam, schließlich war hier noch nie jemand beim Zahnarzt. Weder Kind noch Erwachsene. Für sie war das alles völlig neu. Zahnärzte gibt es hier ja kaum. Ich habe zumindest noch nie einen afrikanischen Zahn- oder auch Augenarzt getroffen (weder im Kongo noch in Tansania). Und so viele europäische Ärzte gibt es nun auch wieder nicht. Das mit der medizinischen Versorgung ist ja überhaupt so eine Sache hier. Allein schon, dass es keine Krankenwägen gibt (und auch nicht die dazugehörigen guten Straßen). Das heißt, in einem Notfall hat man eigentlich kaum Chance, schnell behandelt zu werden.

Meine Anleiterin Steffi gab mir jetzt auch mal ein paar Fahrstunden mit ihrem Toyota  (ich finde so ein Geländewagen-Auto ja sooo cool 🙂 ), damit ich im Notfall auch mal fahren könnte. Gewöhnungsbedürftig ist der Linksverkehr (damit eingeschlossen, dass man im Auto mit der linken Hand schaltet), und der Fahrstil der Afrikaner (die sich eher selten an Verkehrsregeln oder Geschwindigkeitsbegrenzungen halten). Das mit der-linken-Hand-Schalten fiel mir gar nicht so schwer. Aber mein größtes Problem ist die Größe des Autos. Zum einen das Auto nach links richtig abzuschätzen, weil ich ja rechts sitze. Und zum anderen ging es schon damit los, dass die kleine Lea in dem großen Auto nicht mit ihren kurzen Beinen an die Pedale kommt. Und in dem Auto kann man den Sitz nicht einfach vorschieben (Vorne können nämlich drei Menschen sitzen. Daher ist der Fahrersitz mit den zwei anderen in einer zusammenhängenden Bank verbunden und die ist nicht beweglich). Also muss sich die kleine Lea leider ein Kissen zwischen Rücken und Sitz stecken (peinlich. Aber gut, so bin ich halt 😀 klein aber fein; klein, aber ohooo 😀 ) Ja das war schon sehr witzig bei der ersten Fahrt. Eigentlich können all unsere Kinder zu Fuß zur Schule gehen. Aber wir haben auch das Mädchen mit spina bifida (offener Rücken) in der Schule, und die kann zwar laufen, aber sehr unsicher, sie wackelt viel und deswegen werden längere Strecken für sie schnell anstrengend. Aber damit wir nicht jedes mal mit dem Auto fahren müssen, holte ich sie jetzt auch schon ein paar mal mit dem Fahrrad ab, setzte sie hinten auf den Gepäckträger und schob sie heim. Das ist gleichzeitig auch ein sehr schöner Mittags-Spaziergang. In der Früh fährt Steffi immer alle Kinder in die Schule, weil sie somit gleich auch die Schwestern in die Messe in die Kirche nach Kemondo fährt.

Wenn wir sonntags mit allen in die Kirche fahren, steht immer die Hälfte von uns hinten auf der Ladefläche des Autos, weil das Auto für so viele Kinder und Mitarbeiter einfach viel zu klein ist. Da komme ich gleich zu unserer größten Anschaffung der letzten Zeit. Steffi hat einen richtigen (kleinen) Bus gekauft, um auch mal mit allen Kindern wegfahren zu können. Steffi musste dafür extra nochmal zwei Wochen in die Fahrschule Bukoba, um einen Busführerschein zu machen. Doch seit letztem Sonntag steht der Bus bei uns und Steffi hat seit Dienstag den neuen Führerschein. Juhuuu. Unsere Kinder waren so aufgeregt, wie der Bus endlich bei uns ankam, v.a. die Jungs fieberten ja schon seit Wochen darauf hin. Anton stand am Tag nach der Bus-Ankunft schon um halb 6 Uhr morgens auf, um nachzusehen, ob der Bus schon noch da steht. Und das erste, was er mir in der Früh gesagt hat, war „basi, basi“ (Bus auf swahili). Und Christopher wollte mit mir in der outpatient clinic gleich ein Bild vom Bus malen.

Eine weitere Neuheit in unserem Haus hier ist die Kapelle. Im Gebäude der outpatient clinic hat Steffi vor ein paar Monaten einen kleinen Raum als Kapelle umfunktionieren lassen. Nach ein paar gemeinsamen Überlegungen wurden jetzt noch braune Fließen und gelbe Fenster eingesetzt, die Wand gelb gestrichen und sogar Möbel angefertigt (Gebetsstühle und ein Altar). Der Raum ist echt sehr schön geworden und dort kann man einfach mal zur Ruhe kommen.

Die Arbeit läuft auch sehr gut. Mittlerweile kenne ich alle Kinder ganz gut und weiß auch, wer was braucht und was ich mit jedem einzelnen machen kann (z.B. auch in Bezug auf Förderung der Behinderten, wie Physiotherapie-Übungen). Ich versuche auch immer wieder mit Kindern einzeln was zu unternehmen, also was zu lesen, malen, spielen oder einfach zu zweit spazieren zu gehen. Ich finde vor allem die ruhigeren Kinder gehen manchmal in dem gesamten „Haufen“ etwas unter (andere verschaffen sich ja durch ihr „auffälliges-besonderes“ Verhalten oder einfach durch ihr Geschrei schon viel Aufmerksamkeit). Daher versuche ich jedem einzelnen so viel wie möglich von meiner Aufmerksamkeit zu schenken.

Hausaufgabenbetreuung klappt auch immer besser. Die Kinder haben zwar nicht immer wirklich viel Lust auf Hausaufgaben, aber sie machen mit und wir erledigen alle anstehenden Aufgaben. Manchmal bin ich leider auch bisschen überfragt, was die Lehrer haben wollen, und das Problem dabei ist, dass die Kinder sagen „wenn ich das falsch habe, werde ich vom Lehrer geschlagen“….Tja, da liegt schon ein anderer Druck dahinter, als wie in Deutschland. Daher bemühe ich mich immer so gut wie möglich, dass wir wirklich alle Aufgaben bestmöglich erledigen.

Der Flötenunterricht läuft auch gut. Die Hälfte meiner Schüler kann schon Lieder mit drei Tönen spielen (g, a und h). Aber das tollste war, dass mir meine Mutter per Post kleine Notenhefte geschickt hat. So hat jetzt jeder Flötenschüler sein persönliches Flötenheft, das wir während den Stunden gemeinsam füllen und wo ich die neuersten Stücke reinschreibe, die sie spielen können. So haben sie auch noch etwas von dem Flötenunterricht, wenn ich wieder weg bin. Jeder besitzt dann wenigstens ein eigenes Heft mit der wichtigsten Theorie und ein paar Liedern, so dass sie selber immer wieder spielen könnten. Es war bisschen mehr Schreibarbeit, als ich anfangs dachte, für sechs Kinder die Hefte mit Noten und Zeichnungen von Flöten zu füllen. Aber es macht mir trotzdem sehr viel Spaß.

Ansonsten war ich in letzter Zeit viel mit den Kindern im Wald und neulich, an einem Sonntagnachmittag, spazierten wir mit allen älteren zum See (einer im Rollstuhl und eine auf dem Fahrrad). An einem Nachmittag packte ich auch mal meine Knete aus, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Es war sehr interessant zu beobachten, wie die kleinen Kinder an dieses neue Material herangegangen sind. Es dauerte kurz, bis sie wirklich verstanden haben, dass sie das beliebig verformen können und ganz viele Farben mischen können (bis ein grauer Knäul rauskommt 😀 )

Letzten Sonntag haben wir einen wunderschönen Ausflug mit unseren großen Kindern zu einem Wasserfall unternommen. Steffi war bis jetzt immer nur oben am Wasserfall, daher wollten wir versuchen, uns mal von unten zu nähern. Daraus wurde eine sehr spannende Wanderung, weil irgendwann kein Weg mehr zu sehen war. Ein netter junger Mann, der dort in der Nähe wohnte, schlug uns dann mit einem Buschmesser einen Weg durch die Sträucher und Bäume, bis wir endlich am unteren Ende des Wasserfalls ankamen. Kurzzeitig hat sich unsere Gruppe mal in zwei Hälften geteilt und wir haben uns nur noch durch das Gebüsch gehört, aber leider nicht mehr gesehen. Wir bekamen auch die ein oder anderen Kratzer und Ausschläge von etwas komischen Pflanzen. Aber letztendlich kamen wir alle gemeinsam heil an 😀 Zur Belohnung für diese „harte“ Tour, fuhren wir mit dem Auto noch an das obere Ende des Wasserfalls und machten dort mit Maiskolben, Keksen und Wasser ein Picknick. Der Ausblick war wunderschön. Atemberaubend, wie man da über die afrikanische Landschaft mit den vielen Bananen-shambas (shamba ist swahili und bedeutet Farm) blicken kann.

In letzter Zeit konnte ich auch meiner Anleiterin Steffi etwas mehr über die Schulter schauen. Ich durfte bei ein paar Teamsitzungen dabei sein und sie zeigte und erklärte mir auch viel von ihrer alltäglichen Büroarbeit. Außerdem durfte ich mir Gedanken über einen neuen Flyer für das Nikolaushaus machen, über die Gliederung, die Fotos und den Text. Das haben wir dann gemeinsam besprochen und alles per Mail nach Deutschland geschickt. Dort wird das Layout festgelegt und noch der letzte Schliff vorgenommen. Und dann geht es hoffentlich bald in Druck. Ich bin gespannt, wie das letztendliche Ergebnis aussehen wird.

Außerdem durfte ich wieder bei einem Hausbesuch dabei sein. Wir sind mal wieder mitten ins Nirgendwo in Busch gefahren (bis die Straße nur noch ca. eine Hand breit war, also es effektiv keine Straße mehr gab). Dort lebt eine 67-jährige Frau mit einem kleinen, ca. sechs-jährigen (so genau weiß man das Alter nicht. Auf verschiedenen handgeschriebenen Dokumenten haben wir verschiedene Geburtsdaten gefunden) Mädchen. Die Frau ist leider nicht die Mutter, hat aber das Kind vor vier oder fünf Jahren zu sich genommen und zieht es seitdem auf. Die Mutter des Mädchens ist anscheinend geistig behindert und streift durchs Land. Das kleine Mädchen ist geistig behindert und hat eine Cerebralparese. Sie hat jedoch gelernt an einem Stock zu laufen. Sie ist ein sehr fröhliches und aktives Kind, kann aber leider auch nicht sprechen. Die alte Frau lebt mit dem Kind alleine (ihre eigenen Kinder sind anscheinend schon tot) und uns wurde erzählt, dass sie betteln geht, um Geld zu beschaffen. Sie hat sich sehr gut um das Kind gekümmert, schließlich hat es sogar laufen gelernt, jedoch wird die Frau auch immer älter und sie ist schon seit einiger Zeit sehr krank. Daher hat sie Angst, dass sie sich nicht mehr lange um das Mädchen kümmern kann und hat das Nikolaushaus um Hilfe gebeten. So wie bei unserem letzten Hausbesuch handelt es sich nicht um einen akuten Notfall, so dass wir das Kind nicht sofort mitnehmen mussten, da es ja im Moment noch relativ gut versorgt wird. Aber die Wahrscheinlichkeiten stehen sehr hoch, dass wir es so gegen August in unser Haus aufnehmen werden.

Diesen Monat war natürlich auch wieder ein Geburtstag und zwar von einem unserer neuen Jungs: Mwesiga wurde 5 Jahre alt. Es war ziemlich wahrscheinlich der erste Geburtstag, den er in seinem Leben gefeiert hat. Am Nachmittag wurde mit allen kleinen Kidis reichlich Kuchen gegessen und es gab für ihn und seinen kleinen Bruder Kalo sogar Geschenke (eine schöne Hose und ein schönes T-shirt für die Kirche und ein kleines Spielzeugauto). Nach der „Kuchenschlacht“ spielten wir noch mit allen kleinen Kindern Topfschlagen. So ein richtiger Kindergeburtstags-Nachmittag im Nikolaushaus. 😀

Kathi und ich fahren (mit dem Fahrrad – unglaublich schön, durch die afrikanische Landschaft zu radeln) weiterhin jeden Montag zu der Missionsstation der Franziskanerschwestern in Kemondo und helfen Essenspakete zu packen. Eine sister hatte die neue Idee, uji-Mehl selber herzustellen (dafür werden Hirse, Mais, Reis, Erdnüsse und Sojabohnen gemahlen), um es dann in der Stadt zu verkaufen und den Erlös für ihre weiteren Sozialprojekte zu verwenden, z.B. für ihre Jugendgruppen. Außerdem verteilen sie auch uji-Mehl kostenlos an die bedürftigen Familien mit Kindern im Dorf. Wird durften helfen, das Mehl samt Etiketten einzutüten. Und das letzte Mal haben wir Aloe Vera-Pflanzen geschnitten, weil sie daraus Medizin machen (zum einen hilft die Pflanze gut bei Verbrennungen und zum anderen machen sie daraus, noch in Verbindung mit anderen Blättern, einen Saft, der bei Magenbeschwerden helfen soll). Es ist jede Woche wieder spannend bei den sisters zu sein, weil man immer wieder etwas Neues sieht und lernt, was sie für die Einwohner hier auf die Beine stellen.

Glücklicherweise ist montags, wenn wir zu den sisters fahren, auch Wochenmarkt in Kemondo. Kathi und ich haben es für uns entdeckt, durch den Markt zu schlendern, hier und da wunderschöne afrikanische Stoffe (kangas und kitenge) zu entdecken und hin und wieder auch mal einen zu kaufen. 😀 Ich hatte mir jedoch im Vornherein schon vorgenommen, nicht mehr so viele Stoffe, wie damals nach dem Kongo, mit nach Deutschland zu bringen, da ohnehin schon mein ganzes Zimmer voller Stoffe ist (Vorhänge, Raumtrenner, Tischdenken, Wandschmuck, Tagesdecken etc.). Daher statten wir jetzt der Näherin im Dorf des Öfteren einen Besuch ab und lassen uns Hosen, Röcke oder Kleider daraus nähen.

Kathi und ich haben auch noch ein neues Hobby von uns entdeckt, und zwar kochen. In Deutschland bin ich ja eigentlich nicht so der große Koch, aber wahrscheinlich auch, weil man dort einfach alles kaufen kann. Aber hier macht es unglaublich Spaß, sich zu überlegen, was man alles kreieren könnte, da unser alltägliches Essen (Reis mit Bohnen, manchmal noch mit anderem Gemüse) zwar gut schmeckt, aber nicht sehr abwechslungsreich ist. Wir haben jetzt schon Käsespätzle und Schupfnudeln gekocht, Brot und Zwiebelbrot gebacken, Zitronenmarmelade gekocht und Müsli gemacht (einfach Hirse, Sesam und Erdnüssen mit Honig anbraten). Alles sehr lecker. Natürlich bekommen wir nicht alle Zutaten dafür in Kemondo, aber wenn wir samstags in Bukoba sind, gehen wir dort auf den großen Markt und lassen uns von den Angeboten inspirieren.

Wir fahren weiterhin jeden Samstag nach Bukoba. Zum einen um Einkäufe zu erledigen, zur Post und zur Bank zu gehen, zum anderen um im Internet arbeiten zu können oder um zu skypen. Außerdem tut es auch ganz gut, einen Tag in der Woche mal nicht im Haus zu sein, um bisschen Abstand von dem Nikolaushaus und von den Kindern zu bekommen, da wir ja ansonsten 24 Stunden im Haus sind. Jedoch nahezu das Schönste an dem Tag ist, wenn wir abends von der Stadt zurückkommen und uns die Kinder auf dem kurzen Weg vom Haus zur Straße schon schreiend entgegenlaufen „Kathi, Kathi, Analeya, Annalea“. Was gibt es für einen schöneren Empfang, als Kinder, die auf dich zu rennen, dich umarmen, dir beim Tragen der Tasche helfen wollen, und dir einfach zeigen, dass sie sich freuen, dass du endlich – nach einem so „langem“ Tag – wieder zu Hause bist?

So, mehr fällt mir jetzt gerade nicht mehr ein (ups, es sind doch schon wieder vier Seiten geworden – es gibt doch immer wieder viel zu berichten. Es wird einfach nicht langweilig hier) und jetzt hör ich mal wieder auf zu schreiben.

Ihr könnt euch gerne noch unter Impressionen/Fotos ein paar neue Fotos dazu ansehen (um sich das Erzählte anhand von Bildern besser vorstellen zu können) 😀

Ich hoffe euch allen in Deutschland geht es gut. Ich vermisse euch. Alles Gute, eure Lea

P.S. ach ja, eine Sache ist mir noch eingefallen. In zwei Wochen werden Kathi und ich eine kleine Reise von 5 Tagen unternehmen. Mein Visum läuft aus, deswegen muss ich Tansania mal kurz verlassen, um danach wieder einreisen zu können. Die nächste Grenze wäre ja Uganda, aber da war ich ja Anfang März bei meiner Ankunft schon. Deswegen fahren Kathi und ich in ein uns noch unbekanntes Land, nämlich Ruanda. J Von hier aus kommt man innerhalb eines Tages dorthin (auch wenn wir noch nicht wissen wie, also es gibt keinen Direktbus, aber wir schlagen uns schon durch), es ist nicht so weit weg, und das Beste ist, dass Deutsche dort kein Visum zahlen müssen. Wir werden uns ein/zwei Tage die ruandische Hauptstadt Kigali ansehen und dann wieder zurück fahren. Ich freue mich schon sehr auf diesen „Kleinurlaubs-Trip“. Einfach mal wieder paar Tage raus aus dem Alltag und was Neues von Afrika entdecken. Meine Vorfreude ist schon riesig. 😀

Mambo, meine lieben Freunde im fernen Deutschland,

Ich dachte mir, ich erzähle euch mal wieder bisschen was aus meinem tansanischen Leben. Zum einen, weil ich einen ziemlich coolen Kurzurlaub hinter mir habe und zum anderen weil ich mich gerade davor drücke, andere (wichtige) Berichte zu schreiben 😉

Bei uns im Nikolaushaus läuft eigentlich alles wie immer. Obwohl, eigentlich nicht wirklich. Die großen Kinder haben momentan 5 Wochen Schulferien. Da läuft es im Haus schon bisschen ruhiger ab, z.B. weil die Kinder nicht um dreiviertel 7 morgens schon schulfertig sein müssen. Momentan frühstücken wir alle um 7 erst einmal gemütlich. Zum anderen ist unser Haus die Tage auch ziemlich leer, schon fast beängstigend. Wir versuchen so viele Kinder wie möglich für ein paar Tage bis zu zwei Wochen, je nach dem wie lang es möglich ist, in „Urlaub“ zu ihren Familien (soweit sie noch vorhanden sind) zu schicken. Damit sie auch bisschen Abwechslung bekommen. Das ist aber leider nicht bei allen so leicht. Manche Familien verfügen leider nicht über die Mittel, ihre Kinder für längere Zeit ausreichend zu versorgen. Deswegen gehen zum Beispiel unsere kranken und behinderten Kinder, die besondere Aufmerksamkeit und Pflege brauchen, meistens nur für ein paar Tage in ihre Familien. Vielen Familien fehlen auch die Mittel und Wege, um bis zu uns zu kommen und ihre Kinder abzuholen. Dann müssen wir die Kinder bis zu ihnen nach Hause bringen. Andere Familien konnten wir leider bis jetzt noch nicht erreichen (z.B. Asimwes Vater ist unterwegs, um Arbeit mit Rinderherden zu finden und ist daher nicht erreichbar). Natürlich ist es für die Kinder, die bei uns bleiben müssen, dann bisschen schwer mitanzusehen, wie einer nach dem anderen das Haus verlässt, „nach Hause“ fahren und seine Familie besuchen darf. Für die Kinder, die gar keine Familien mehr haben, suchen wir, so gut wie möglich, einen „Ersatz“, also andere bekannte Familien in der Nähe, die die Kinder für eine Woche zu sich nehmen. Magdalena darf vielleicht auch zu den Franziskanerschwestern nach Biharamulo, wo jetzt Sister Devotha lebt (die Schwester, die bei uns gearbeitet hat, die wir aber nach Ostern verabschieden mussten, da sie versetzt wurde). Es ist wirklich mal entspannend, wenn weniger Kinder (und somit weniger Trubel) im Haus ist. So kann man sich den einzelnen Kindern noch mehr widmen und jedem Einzelnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Das ist auch sehr schön.

Ich gehe weiterhin regelmäßig mit einigen Kindern spazieren. Vor allem mit denen, die sonst nie außer Haus kommen, weil sie etwas besonderer sind und sie deswegen nicht zu Ausflügen oder sonntags in die Kirche mitgenommen werden können. Daher denke ich, ist es für sie besonders schön, auch mal bisschen was außerhalb des Nikolaushauses zu sehen, sei es auch nur auf einem halbstündigen Spaziergang durch die umliegenden Dörfer. Aber da gibt es auch schon so viel Spannendes zu entdecken: Bäume, Tiere, andere Kinder, Autos, Motorräder, Musik, Marktständchen etc. Mit unseren Kleinen Kids male ich auch hin und wieder. Ich bin leider jedes mal wieder bisschen geschockt, wie wenig sie mit Stiften und Papier umgehen können. Ich denke, man müsste sie öfters einfach drauflos malen lassen. Wir spielen hier meistens mit den Kleinen draußen im Garten, im Sandkasten oder lassen sie „afrikanische Mamas“ spielen (dabei binden sie sich mit einem Kanga Puppen auf den Rücken, so wie die Mamas hier ihre Kinder tragen, und spielen Mama). Das ist auch alles sehr schön. Aber ich versuche ihnen jetzt einfach hin und wieder auch mal Stift und Papier in die Hand zu drücken und zu beobachten, was passiert.

Kathi und ich haben jetzt auch mit unseren großen Kids eine Pfadfindergruppe gegründet. Richtig professionell (ich musste sogar eine schriftliche und praktische Aufnahmeprüfung bestehen, um mit aufgenommen zu werden 😉 ). Weder Kathi noch ich waren je in Deutschland Pfadfinder, aber ich war im Kongo öfters mit den Schwestern auf ihren Pfadfindertreffen dabei und habe dadurch einiges mitbekommen, was ich jetzt hier umsetzten kann. Jeden Sonntagabend haben wir Teambesprechung. Wir haben schon einen Namen: „the love of God. Strong, brave and united scouts“ (wir sind schließlich christliche Pfadfinder), einen Slogan, eine eigene Begrüßungs- und Verabschiedungsform, ein Symbol, eine Fahne, ein Team-Buch, einen geheimen Treffpunkt im Wald, einige Regeln, Wanderstöcke und Halstücher (bei jedem bestickt mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben seines Namens), jeder hat seinen eigenen Scout-Namen (ein Tier Name auf Swahili). Es fehlt eigentlich nur noch unser persönliches Wanderlied. Es macht so richtig Spaß, als würde ich mir noch einen alten Kindheitstraum erfüllen. Wir wollen mit ihnen Ausflüge in die Natur unternehmen, Fahrradtouren starten und andere spannende Abenteuer erleben. Und es ist auch so schön zu sehen, mit wie viel Freude, Eifer und Begeisterung sie dabei sind.

Kathi und ich haben uns auch ein paar Dinge für die Schulferien vorgenommen, z.B. wollen wir die Kinderzimmer bisschen verschönern. Meistens kleben ein paar Sticker und Fotos an den Wänden, aber leider sehr verstreut und etwas durcheinander. Da wollten wir einfach bisschen Ordnung reinbringen und es somit ansehnlicher gestalten. Letzte Woche fingen wir mit dem Zimmer der kleinen Jungs an. Es ist nichts großartiges, nur ein Klebeband von Fußballern, das sich über die Wand zieht. Und Die Fotos über Christophers Bett haben wir auf schwarzes Tonpapier geklebt (um sie einzurahmen) und bisschen schöner angeordnet. Es ist nicht viel, sieht aber trotzdem gut aus, und Christopher hat sich sehr darüber gefreut. Im Prinzip ist in den Zimmer gar nicht so viel Platz, da die Wände mit Betten zugestellt sind und man sollte auch nichts zu tief aufhängen, weil es die Kinder sonst sofort runterließen. In unseren Mitteln sind wir auch bisschen eingeschränkt, wir nehmen halt, was wir hier im Haus finden. Aber ich denke, bisschen was kann man immer erreichen, wenn man will.

Ansonsten übernehme ich hin und wieder einen Fahrdienst, z.B. zu der Krankenstation im Dorf (für Malariatests), um die Kinder zum Kommunionsunterricht zur Kirche zu fahren oder um sie von der Schule abzuholen (v.a. wegen dem einem Mädchen, das nicht so gut laufen kann. Aber wenn es nicht regnet, hole ich sie meistens mit dem Fahrrad ab. Ach ja übrigens Wetter – so ein beliebtes Thema in Deutschland: wir sind momentan in der Übergangsphase von Regenzeit zu Trockenzeit. Daher haben wir im Moment auch sehr viele Mücken. Die Trockenzeit hat schon so gut wie angefangen, es hat jetzt schon seit ca. zwei Woche nicht mehr geregnet, dennoch ist es noch ab und zu sehr bewölkt. Ich hoffe uns geht nicht alles Wasser in den Tanks während der Trockenzeit komplett aus, was wahrscheinlich passieren kann. Zwei unserer Tanks sind schon leer, und wir mussten schon Wasser zum Putzen am See holen. Auch wenn Regenzeit manchmal nervig sein kann – obwohl ich den Regen hier ja so liebe, einfach weil es nicht so unangenehm kalt ist wie bei uns und es nicht tagelang durchnieselt sondern wenn, ein paar Stunden so richtig heftig regnet – ist die Regenzeit für das (Über-)Leben viel einfacher als die Trockenzeit…). So, wo war ich jetzt aber eigentlich….genau beim Abholen von der Schule. Das ist auch so etwas Wunderbares: man kommt zur Schule und findet eine Masse Kinder vor, doch dann gibt es ein paar Kinder, die nur auf dich warten bzw. wenn sie dich sehen, dich anlächeln und auf dich zukommen. Das ist ein so schönes Gefühl, wenn du in der Menge der vielen Kinder „dein“ Kind findest und es auch dich findet. Oder, was mich auch mal sehr rührte: wir holen mittags ja nur die kleinen Kinder ab. Die Großen kommen nachmittags selbstständig zu Fuß nach Hause. Wenn ich nun in die Schule komme, um die Kleinen abzuholen, haben die Großen manchmal gerade Pause und kommen ab und zu auf mich zu und erzählen mir etwas. Aber neulich stand ich da und habe auf Annajoyce gewartet, da läuft plötzlich Magdalena (unser ältestes Schulmädchen) aus der Menge auf mich zu und nimmt einfach meine Hände. Sie hatte gar nichts Großartiges zu berichten. Ich glaube, sie wollte mir einfach nur Hallo sagen und einfach kurz zu mir kommen. Und ehe ich mich versehen konnte, war sie schon wieder weg, mit ihren Freunden spielen. Doch ich blieb mit einem großen Lächeln im Gesicht zurück.

Kathi und ich gehen jetzt auch Mittwochnachmittags manchmal zu den Jugendgruppen der sisters nach Kemondo (die Schwestern, denen wir montags Essenspakete-Packen helfen, organisieren auch Gruppenstunden für die Jungen Leute aus dem Dorf). Die Franziskanerschwestern machen mit den Jugendlichen Rosenkränze und fabrizieren uji-Mehl (diese Mehlmischung für den Kinderbrei). Das verkaufen sie dann sehr billig im Dorf und finanzieren sich damit. Die letzten Wochen haben Kathi und ich beim Rosenkränze-Basteln geholfen. Das werden wunderschöne Rosenkranz-Ketten, aus bunten Perlen, mit einem Kreuz oder Marienanhänger. Ich finde es schön, mal unter Jugendlichen zu sein und es war das erste Mal, dass ich einen Rosenkranz selber angefertigt habe. Ab nächster Woche wollen wir den Prozess der uji-Mehl-Herstellung verfolgen, was sich über mehrere Wochen zieht und da mithelfen.

Mir gefällt es immer noch unglaublich gut hier bzw. gefällt es mir wahrscheinlich von Tag zu Tag besser und ich fühle mich immer wohler hier. Ich bin einfach in Afrika. Etwas Besseres gibt es doch eigentlich nicht. Es ist so spannend und so schön, was man alles entdeckt, wenn man hier nur spazieren geht. Zwischen Bananenbäumen versteckt die Lehmhütten, mit Strohdächern bedeckt. Überall treiben kleine Jungs und junge Teenager-Burschen ihre Rinderherden (diese Tiere sind sehr schön. Nicht wie unsere Kühe. Sie sind braun oder schwarz und haben beeindruckende, etwas angsteinflößende Hörner). Man sieht eigentlich immer irgendwo kleine Herden vorbeiziehen: im Dorf, auf der Straße, am See oder im Wald. Außerdem sieht man an den Straßen/Wegen und in den Wiesen auch immer Hühner und Ziegen. Neben all diesen „gewöhnlichen“ Tieren entdecke ich aber auch so oft wunderschöne Vögel und Schmetterlinge, in allen Farben und Größen, und dann springt wieder eine Affenfamilie über meinem Kopf durch den Wald. Und das alles vor dieser wunderschönen Kulisse mit Palmen, Bananenbäumen und dem Viktoriasees. Einfach traumhaft. Solche kurzen Momente kommen mir immer wieder dazwischen, z.B. wenn ich beim Müllrausbringen plötzlich eine Affenmutter mit ihrem Kleinen am Bauch von Baum zu Bananenbaum springen sehe, in denen ich kurz stehen bleiben und innehalten muss, weil ich mein Glück, dass ich in Afrika sein darf, dass ich hier in Tansania leben darf, gar nicht fassen kann. Das muss ich dann immer kurz auf mich wirken lassen und mit all meinen Sinnen auffangen.

Ach ja, noch ein spannendes Thema momentan: Fußball-WM. Im Prinzip bekommen wir hier kaum etwas davon mit. Doch wir wussten, wann das erste Deutschlandspiel stattfinden wird und fanden es schon bisschen schade, es zu verpassen (wir haben in unserem Haus keinen Fernseher bzw. nur einen für DVDs, ohne Programmanschluss). Doch dann sahen wir, dass in dem netten Café in Kemondo, in dem Kathi und ich manchmal eine Soda trinken (und samosa oder mandazi essen 😉 )alle Spiele übertragen werden. Da das Spiel zum Glück abends statt fand und nicht mitten in der Nacht, sind wir kurzerhand zum „Public viewing“ nach Kemondo downtown. Das Spiel wurde auf einem wirklich großen Flachbidlfernseher im Hinterhof des Cafés übertragen. Wir waren natürlich die einzigen Mädchen (logischerweise auch die einzigen Weißen) und saßen da auf Holzbänken in Mitten vieler tansanischer Jungs und Männer (hätte ja nicht gedacht, dass das Spiel so viele Tansanier interessiert). Leider waren die meisten für Portugal (keine Ahnung warum???). Doch diese Fans wurden von Tor zu Tor leiser und wir dafür immer lauter. Wir zwei waren zum Glück nicht die einzigen Deutschland-Fans. Eine Hand voll junger Tansanier haben uns und unser Team auch unterstütz (einer trug sogar ein T-shirt mit Deutschlandflagge – Kathi und ich hatten uns auch mit Kinderschminke die Deutschlandflagge auf unsere Backen gekritzelt….wenn schon dann richtig). Die Stimmung in diesem Innenhof, in Mitten der Tansanier, unter dem tansanischen Sternenhimmel war wirklich einzigartig. Das fühlt sich ganz anders an, als wie ein public viewing in Deutschland. Diese WM werde ich sicher so schnell nicht mehr vergessen. Allein schon die Rückfahrt mit dem Fahrrad, unter diesem riesig, endlos weiten Sternenzelt, vorbei an den Holzbuden, die noch mit einer Glühbirne schwach und warm beleuchtet waren, die Stimmen der Menschen rundherum ….war etwas ganz Besonderes.

So und am Ende meines Berichts erzähl ich euch noch von meinem coolsten Wochenendtrip ever. Kathi und ich haben uns ja schon Wochen vorher darauf gefreut und auf diesen Kurzurlaub in Ruanda hin gefiebert. Freitag Früh um halb 6 ging es los. Wir sind im Dunkeln, mit unseren Rucksäcken bepackt (in denen reichlich gutes Essen auf uns wartete, wir wussten schließlich, dass wir eine Weile Bus fahren werden – mandazi, chapati, samosa, selbstgebackenes Zwiebel- und Schokobrot, geschnittenes Gemüse…) runter ins Dorf spaziert und haben dort auf unseren Bus gewartet. Um 6 in der Früh starten in Bukoba einige Reisebusse, Richtung Mwanza, Arusha oder Dar es salaam. Für den ersten Teil der Strecke hatten wir uns in Bukoba ein Busticket gekauft und ihnen versucht klar zu machen, dass wir erst in Kemondo zusteigen. Leider hörten wir schon von so manchen, dass der Bus in Kemondo nicht immer, wie abgemacht, stehen bleibt, sondern einfach durch das Dorf brettert (diese Busse fahren schon immer mit einer ansehnlichen Geschwindigkeit). Also wurden Kathi und ich bei jedem vorbeirasenden Bus unruhiger; wir versuchten immer so schnell wie möglich den Namen des Busunternehmens zu entziffern (Bunda, Taqwa, Falcon etc.) um ihn notfalls noch rechtzeitig aufhalten bzw. stoppen zu können. Doch Mohammend Express hielt an der vereinbarten Stelle in Kemondo, ohne größeres Theater unsererseits und wir konnten hineinspringen. Juhuuu, das erste war geschafft. Da ist es manchmal ganz praktisch, dass wir uns ein bisschen darauf verlassen können, dass zwei kleine weiße Mädchen in Schwarzafrika etwas auffallen und daher eher im Gedächtnis bleiben. Die Fahrt bis nach Kigali, die Hauptstadt Ruandas, hat wunderbar geklappt. Nach dem Reisebus nahmen wir ein Dala bis zur ruandischen Grenze und von dort aus erwischten wir gleich einen Kleinbus bis nach Kigali. Wir waren 11 Stunden unterwegs und hatten nirgends irgendwelche Probleme oder mussten länger warten. Und ich genieße diese Busfahrten unglaublich. Es gibt nichts Schöneres, als auf seinem Platz zu sitzen (manchmal ist man leider bisschen sehr eingequetscht, da die Afrikaner gerne jeden Millimeter ihrer Busse ausnutzen), Musik zu hören, die atemberaubende afrikanische Landschaft an sich vorbeiziehen zu lassen, die exotische Luft zu riechen und den afrikanischen Staub an den Fingern zu spüren. Wir kamen relativ früh, um halb 6 schon in Kigali an und konnten uns noch in Ruhe eine Unterkunft suchen. Das hat mir insgesamt an der Reise so gut gefallen, dass wir am Morgen noch nie wussten, wo wir am Abend schlafen werden. Einfach mal bisschen spontan reisen und nicht alles von vornherein schon geplant und gebucht haben. Die ersten zwei Unterkünfte, die wir aufsuchten, waren leider schon voll, doch in der dritten gab es noch Platz für uns. Sie war sehr schön, eine kleine Herberge, mit süßen, sauberen Zimmern in einem Innenhof, so dass der Großstadtlärm nicht zu hören war. Wir hatten sogar Dusche mit heißem Wasser! Das war der Wahnsinn, das haben wir sehr genossen (im Nikolaushaus können wir uns zwar auch das Wasser zum Duschen warm machen, aber das bedeutet dann nur, dass es nicht mehr eiskalt ist, sondern nur noch kalt bis lauwarm. Heißes Wasser ist da echt ein Erlebnis dagegen). Kigali ist eine sehr beeindruckende Stadt. So groß und modern und sauber. Das hat mich an Ruanda allgemein so fasziniert: das Land macht einen so sauberen, organsierten, strukturierten Eindruck. Ganz anders als Tansania. Es gibt keine Plastiktüten in Ruanda, man darf nicht mal welche mit einführen. Und wirklich alles, was man kauft, bekommt man in Papiertüten. Ich hatte das vorher schon beim Auswärtigen Amt gelesen, war aber doch erstaunt, dass es wirklich so ist. Jeder Ruandese muss auch einmal im Monat Sozialdienst leisten…Doch abgesehen davon ist Ruanda landschaftlich ein wunderschönes, atemberaubendes Land. Ich weiß, dass behaupte ich vom Kongo und von Tansania auch. Aber Ruanda ist nochmal ganz anders. Es ist wirklich eine Reise wert (Deutsche zahlen dort übrigens kein Visum – sehr praktischer Nebeneffekt). Es wird ja das „Land der tausend Hügel und Berge“ genannt. Und das trifft zweifellos zu. Schon an der Grenze beginnen die Hügel. Es ist so unglaublich schön, da mit dem Bus durchzufahren; man fährt hoch und runter (auf Grund der Kurven kann einem dabei schon auch mal bisschen übel werden) und hat immer wieder einen unglaublich beeindruckenden, endlos weiten Blick über die vielen Hügel und Berge, die mit Teeplantagen, Bananenplantagen, Wäldern und Zuckerrohrfeldern geschmückt sind. Ich kann mich nur wiederholen. Das ist so unglaublich schön. Insgesamt saßen wir diese 5 Tage hauptsächlich in Bussen, aber ich bereue es überhaupt nicht, da wir so eindeutig mehr gesehen haben, als wenn wir wo hingeflogen wären und dort drei Tage verbracht hätten. Wir sind einmal quer durch Ruanda, von einem bis zum anderen Ende (sehr praktisch, dass das Land so klein ist). Der Samstag gestaltete sich etwas abenteuerlicher als geplant. Eigentlich wollten Kathi und ich nach Gisenyi, die Grenzstadt Ruandas zu der Demokratischen Republik Kongo (Gisenyi grenzt an Goma, die Stadt des Kongos, die man neben Kinshasa wahrscheinlich am häufigsten in den Medien sieht, auf Grund der noch häufigen Unruhen mit den Rebellen- und Milizen Gruppen). Wir hatten uns extra Freitagabend noch ein Busticket besorgt und fragten Samstagfrüh noch einmal nach. Die Busfahrt war wieder wunderschön und nach drei Stunden kamen wir an, doch leider nicht in Gisenyi….das hat uns im ersten Moment doch etwas verwirrt. Wir waren in Kibuye. Das liegt ebenfalls am Kivusee, ca. drei Stunden Busfahrt von Kigali entfernt, genau wie Gisenyi, daher ahnten wir so lange nichts von unserem Fehler / Unglück. Tja da standen wir nun. Es dauerte eine Zeitlang bis wir rausfanden, wo Kibuye überhaupt liegt. Im Prinzip wäre es nicht so weit weg von Gisenyi, schließlich liegt beides am Kivussee, Kibuye nur weiter südlich, doch leider gibt es keine wirkliche Straße von Kibuye nach Gisenyi. Man müsste mit dem Bus wieder zurück nach Kigali und von dort wieder nach Gisenyi. Doch so viel Zeit hatten wir nicht, schließlich war schon früher Nachmittag. Doch Kathi und ich wollten auch nicht einfach wie kleine Kinder, die man ins falsche Auto gesetzt hat, enttäuscht wieder nach Kigali zurückfahren. Vor allem ich nicht. Wann käme ich so schnell wieder so nahe an Kongo, vor allem so nahe an Goma? Das erreicht man ja innerhalb Kongos schon kaum. Also suchten Kathi und ich nach anderen Wegen. Diese Chance konnte ich mir doch nicht entgehen lassen? (ja vielleicht bin ich bisschen verrückt, aber egal). Für ein Boot verlangten sie leider (unverschämte) 100 Dollar, was wir uns wirklich nicht einfach leisten konnten. Sie ließen nur leider auch überhaupt nicht mit sich verhandeln. Doch dann fanden wir zwei nette, junge Piki-(Motorrad)Fahrer, die uns freundlicherweise für einen verhandelbaren Preis sicher nach Gisenyi brachten. Diese Aktion bedeutete vier Stunden, hinten auf einem Motorrad mit unseren Rücksäcken am Rücken sitzend, über Schotter-Stein-Sand-Pisten zu brettern. Ich muss zugeben, anfangs war mir bisschen mulmig zu Mute und ich schickte ein paar Gebete zum lieben Gott. Nach der Fahrt hatten wir auch hier und da ein paar kleine Kratzer, Verbrennungen und Schmerzen in Beine und Rücken, doch es war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hätte. Im Gegenteil, es war eine unglaublich tolle Fahrt. Immer am Kivusee entlang, auf dessen Wellen die Nachmittagssonne glitzerte, Berg hoch Berg runter, vorbei an Teeplantagen, durch duftende Wälder und abgeschiedenen Dörfern. Wir hatten eine einzigartige Fahrt und sahen Gegenden, die wir mit dem Bus nie erreicht hätten. Es war genau richtig, dass wir in dem falschen Bus saßen. Sonst hätten wir dieses Abenteuer verpasst.

Am frühen Abend, gegen fünf, kamen wir dann doch noch an der kongolesischen Grenze an, und zwei meiner Salvatorianer Schwestern (die seit letzten Oktober in Goma in einem riesen Waisenhaus, mit 105 Kriegs-Waisenkinder, arbeiten) warteten schon seit mittags auf uns an der Grenze. Leider kamen wir, wie erwartet, nicht über die Grenze. Gut, wir hatten kein Visum, und ich weiß genau, dass man für den Kongo immer schon vorher ein Visum in Deutschland beantragen muss, aber ich dachte mir, versuchen kann ich es ja mal. Sollte ja nur für einen Tag sein. Doch trotz zwei Einladungsschreiben kongolesischer Seite war nichts zu machen. Sie wollten über 300 Dollar und einen Antrag mindestens 8 Tage vorher…..naja egal….ich war schon glücklich wie ein Kleinkind nur das Schild „Democratic Republic of Congo“ zu lesen und zu wissen, dass ich 500 Meter vor Goma stehe. Aber das Allerbeste war natürlich zwei meiner geliebten Schwestern wieder zu sehen. Auch wenn ich mit keiner der beiden damals zusammengelebt oder zusammengearbeitet habe, machte es mich unglaublich glücklich und zufrieden, sie zu sehen. Sie hatten ein sehr schlechtes Gewissen, dass wir nicht über die Grenze kamen, aber sie konnten ja nichts dafür. Kathi und ich schliefen dann zwei Nächte in Gisenyi und die Schwestern kamen uns am Sonntag noch einmal in Ruanda besuchen und wir hatten beim Mittagessen in Gisenyi ein paar Stunden Zeit zu ratschen. Es gab doch einiges zu reden, schließlich haben wir uns ein Jahr lang nicht mehr gesehen. Doch der Abschied stimmte mich mal wieder sehr traurig. Es ist einfach so schwer damit umzugehen, wenn man nie weiß, ob und wann man sich wiedersehen wird…..furchtbare Vorstellung….aber andererseits auch der Wahnsinn, dass ich jetzt schon das zweite mal nach meinem Jahr im Kongo, drei Jahre später, wieder Schwestern getroffen habe. Und jedes Mal ist es so schön wie immer. Ich glaube, das wird immer so sein. Sonntagnachmittag spazierten wir noch durch Gisenyi. Hier und da, in regelmäßigen Abständen sieht man mal Soldaten am Straßenrand stehen, mit einem Gewehr, doch die stehen nur stumm da. Das ist überhaupt nicht beunruhigend. Gisenyi ist wirklich eine sehr schöne Stadt, wie ein richtiger kleiner Urlaubsort. Mit Palmenalleen, Sandstrand am Kivusee (mit Blick auf Goma 😉 ), wir entdeckten auch Flughunde(?? wir sind uns nicht so sicher, aber in den Bäumen hingen am helllichten Tag große Fledermäuse mit Fell und machten Lärm…das können eigentlich keine Fledermäuse gewesen sein…) und das allerbeste an Gisenyi, der Vulkan. Der Karisimbi, der höchste (4507m) der Virungakette (eine Vulkankette von 8 Vulkanen in dem Länderdreieck D.R.Kongo, Uganda, Ruanda). Wie ich den Berg ohne Kuppel sah, brauchte ich ein paar Sekunden, bis ich kapierte, dass ich da wirklich einen Vulkan vor meiner Nase habe, aus dem sogar noch Rauch aufsteigt (deswegen ist die Spitze leider meistens von Rauch und Wolken umgeben, so dass man nicht unbedingt erkennt, dass es kein Berg, sondern ein aktiver Vulkan ist. Doch einmal sah ich die fehlende Spitze und den rauskommenden Rauch genau). Obwohl Gisenyi die Grenzstadt zu der „Kriegs-Stadt“ (Goma) des Kongos ist, fühlte ich mich dort keine Sekunde unsicher. Im Gegenteil. Wir fanden es so schön dort, dass wir Montag gar nicht mehr nach Kigali zurück wollten. Vor allem ich wollte mich nicht schon wieder vom Kongo entfernen. Doch sehr schön an Ruanda ist, dass es dem Kongo noch etwas mehr ähnelt als Tansania. Zum einen schon, weil in Ruanda auch Französisch Amtssprache ist (neben Englisch…und dann sprechen die in Ruanda noch Swahili und Kiruanda…also völlig verwirrend, wir wussten nie in welcher Sprache wir die Leute jetzt ansprechen sollen). Das einzig „Negative“, das mir in Ruanda auffiel, ist, dass es mehr Bettler, v.a. viele verletzte Bettler (z.B. mit großflächigen Verbrennungen, ohne Hände, ohne Arme, ohne Beine etc.) gibt als in Tansania oder im Kongo. Zumindest kam mir es so vor. Montagmittag waren wir dann wieder in Kigali und sahen uns noch bisschen die Stadt an. Doch das Highlight war das Abendessen in einer deutschen Metzgerei/Bäckerei. Da gab es alle möglichen süßen Teilchen, z.B. Schokocroissants. Wir schwebten wirklich im siebten Himmel und haben das Essen samt Nachspeisen sehr genossen. Dienstag Früh starteten wir dann wieder die Heimreise. Leider dauerte die Rückfahrt etwas länger, da wir öfters Bus/Dala/Taxi wechseln mussten, als auf der Hinfahrt, und schließlich blieben wir ca. 3 bis 4 Stunden vor Kemondo, in Biharamulo hängen. Wir kamen dort um 5 Uhr nachmittags an und leider gab es keine Busse oder Dalas mehr in unsere Richtung. Wir waren vorher noch nie in Biharamulo, doch wir wussten, dass es dort ein Franziskanerinnenkloster gibt. Also machten wir uns auf die Suche und die Schwestern haben uns sehr lieb aufgenommen. Sie erwarteten am nächsten Tag viele Gäste, da sie eine große Versammlung hatten, doch zum Glück kamen wir genau einen Tag davor, somit waren die Zimmer schon für Gäste hergerichtet aber noch nicht besetzt. Bisschen ein schlechtes Gewissen hatten wir schon, uns da einfach einzuladen, obwohl sie uns gar nicht kannten. Doch die Schwestern waren so unglaublich lieb, offen, herzlich und gastfreundlich, dass wir uns von Anfang an wohl fühlten. Ich genoss es sehr, wieder in so einer Gemeinschaft zu sein, auch wenn es nur ein Abendessen, eine Morgenmesse und ein Frühstück war. Doch es erinnerte mich sofort an mein Leben im Kloster bei den Salvatorianerinnen im Kongo. In Mitten von so vielen herzensguten Menschen wird einem einfach warm ums Herz. Mittwochnachmittag, ein Tag später als geplant, kamen wir letztendlich wieder zu Hause im Nikolaushaus an und es war sehr schön zu sehen, wie sich auch die Kinder und Mitarbeiter über unsere Rückkehr freuten. Sogar unser autistischer Junge, zu dem ein persönlicher Zugang etwas schwierig ist, hat herzlichst gelacht, wie er uns wieder gesehen hat. Das hat mich sehr gefreut. Insgesamt war es wirklich eine wunderschöne, abenteuerliche und einzigartige Reise (wir waren insgesamt in 8 verschiedenen Bussen, 3 verschiedenen Taxis und auf diversen pikis). Das wochenlange Hinfiebern hat sich auf jeden Fall gelohnt.

So wer bis hier noch nicht eingeschlafen ist, Respekt, dass du es bis zum Ende geschafft hast. Tut mir leid, dass ich immer so ausschweifend erzähle.

Alles liebe, eure Lea

P.S. Es dauert gar nicht mehr so lange, bis wir uns wieder sehen. Meine verbleibenden Wochen kann man schon an zwei Händen abzählen 😀 (…leider….prinzipiell will ich ja noch gar nicht wieder zurück…in das westliche, überfüllte, teure, gestresste Deutschland….)

                                                                  

Abschiedsfeier (1)

 

 

  „Kinder, die lachen, kämpfen auf der Seite der Engel“

Gestern habe ich ein Haus voller lachender Engel verlassen. Mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich an die vielen großen und kleinen Engel im Nikolaushaus nur denke, und ich höre in meinem Kopf sofort wieder ihre tausend verschiedenen, wunderschönen Arten zu lachen: leise, laut, hoch, tief, piepsig, laut schallend, kichernd, verschämt, schreiend, lustig, böse, verschmitzt, kreischend etc….Jeder Abschied schmerzt und es dauert, bis man ihn verarbeitet hat. Natürlich war mir das von Anfang an klar, irgendwo lege ich es ja auch immer wieder darauf an, indem ich so oft nach Afrika fahre. Aber man vergisst auch leicht und schnell, wie schwer es trotzdem immer wieder ist, auf unbestimmte Zeit Lebe Wohl, Kwa Heri, sagen zu müssen. Doch im Prinzip sind diese Abschiedstränen ja auch Freudentränen, die mir noch stärker verdeutlichen, was für eine wunderbare, einzigartige Zeit ich dort verbringen konnte, wie viele besondere Begegnungen ich dort haben durfte, wie viele wunderschöne Ereignisse, und wie viele einmalige und wertvolle Momente ich erleben durfte. Mit all diesen tollen Menschen so viel erlebt und geteilt zu haben war es auf jeden Fall, jetzt auch bisschen Schmerz zu spüren und ein paar Tränen vergossen zu haben. Ich möchte keine Sekunde meines Praktikums im Nikolaushaus missen, obwohl natürlich nicht jede Sekunde schön und einfach war. Doch aus allem lernt man und jeder, noch so kleiner Moment dort, hat mich und mein Leben wieder um einiges bereichert.

Doch bevor ich von meinen letzten Tagen im Nikolaushaus erzähle, habe ich noch ein paar Geschichten nachzuholen, die sich so im Laufe des letzten Monats ereignet haben. Und wie immer bei uns, war wieder einiges los.

Ich war das erste Mal in meinem Leben auf einer afrikanischen Hochzeit eingeladen. Das hatte ich nicht einmal während meines Jahres im Kongo geschafft. Der Sohn einer unserer Mitarbeiterinnen hat geheiratet. Erst war kirchliche Trauung, relativ traditionell und in schwarz-weiß wie bei uns, und danach war in der Bar in Kemondo die Hochzeitsfeier. Da gab es dann doch so ein paar Bräuche, die bei uns nicht üblich sind. Das Brautpaar saß mit ihren Trauzeugen auf einer kleinen erhöhten Bühne, so dass sie von allen Gästen gesehen wurden. Es gab einen Moderator, der durch die Feier geleitet hat, und alle Programmpunkte, wie Tänze und Geschenkübergaben, angesagt und begleitet hat. Zu Beginn der Feier musste das Brautpaar aufeinander zugehen, aus zwei verschiedenen Ecken des Raumes, und der Mann gab der Frau ihre Blumen und die Frau legte ihrem Man seine Jackett um. Dann bekamen sie von den Eltern zwei eingehüllte Sodaflaschen und sie durften sich an ihren Tisch setzen. Nach und nach kamen immer wieder Freunde und Verwandte, die kleine Sketsche und Tänze aufführten oder Lieder sagen und ihre Geschenke überreichten. Doch bei den Geschenken der Eltern musste sich das frische Ehepaar vor die Eltern auf den Boden knien und ein Geschenk nach dem anderen in Empfang nehmen (Kangas, Kitenges, Bettwäsche, Decken, Geschirr, Rosenkränze etc.) Es gab reichlich zu essen und mich hat es nicht groß gewundert, dass wir als Weiße, auf Ehrenplätzen nahe bei der Familien sitzen durften und auch bei einer Tanzperformance mit auf die Bühne gezogen wurden. Doch an so was gewöhnt man sich mit der Zeit.

Ich war außerdem bei einer Priesterweihe dabei. Im Kongo war ich auch bereits auf einer Priesterweihe, doch das Besondere hier war, dass ich somit das erste Mal in Bukoba in der Kathedrale war. Eine sehr modern renovierte, große, helle, bunte (wegen der vielen bunten Glasfenstern) und beeindruckende Kirche. Und mich fasziniert es jedes Mal wieder, wie viele Priester plötzlich bei so einer Veranstaltung auftauchen. Das waren mindestens an die hundert bis zweihundert Priester. Und bei uns in Deutschland gibt es in den Dörfern nicht einmal mehr jeden Sonntag eine Messe, da wir zu wenig Pfarrer haben (mal noch abgesehen davon, das die Kirchen dann meistens eh nur halb voll sind). Somit habe ich auch mal den Bischof von Bukoba gesehen.

Während meines letzten Berichts hatten unsere Schulkinder ja noch Halbjahresferien, doch diese gingen langsam wieder dem Ende zu. Während der Ferien hatten wir ja ein großes Kommen und Gehen im Haus, da viele Kinder für unterschiedlich lange Zeit zu Familien, Verwandten oder Bekannten geschickt wurden. Doch im Laufe der letzten Ferienwoche trudelten alle wieder nach und nach ein und mit dem ersten Schultag ging auch schon wieder der „normale“ (soweit man überhaupt etwas im Nikolaushaus als normal bezeichnen kann) Alltag weiter. Doch für das Ende der Ferien hatten Kathi und ich uns noch ein paar kleine Highlights überlegt. Mit den zwei großen Jungs machten wir eine Fahrradtour nach Bukoba. Am Freitagvormittag zwei Stunden Berg rauf, Berg runter bis nach Bukoba. Dort gönnten wir uns dann ein gutes Mittagessen und verbrachten noch bisschen Zeit am Strand. Unserer Räder ließen wir dann in Bukoba und fuhren mit dem Dala zurück nach Kemondo. Am Sonntag ging es dann wieder mit dem Dala nach Bukoba und mit den Rädern zurück, wobei wir dieses Mal fast drei Stunden brauchten. Mit Magda, die an diesem Wochenende noch nicht daheim war, fuhren wir den Samstag darauf nach Bukoba und verbrachten einen „Mädlstag“ in der Stadt (auch als kleine Vorfeier für ihren Geburtstag am ersten Schultag). Wir überraschten sie mit Schwimmen im Pool. Anfangs hatte sie bisschen Angst (sie kann ja nicht schwimmen) doch nach kurzer Zeit und mit genügend Rumalbern im Wasser, hatte sie viel Spaß. Dann gab es auch ein gutes Mittagessen und Geburtstagsgratulationen via Skype von ehemaligen Praktikantinnen aus Deutschland. Abends, zurück in Kemondo, durfte sie noch mit zu uns auf unser Zimmer und wir schauten gemeinsam bei Popcorn einen Film. Mit unserer scout-Gruppe waren wir auch noch ein paar Mal im Wald, sind gewandert, haben gleichmäßiges Marschieren und Singen geübt, haben ein Blätterhaus gebaut, Geschicklichkeitsspielen mit unseren Stöcken gespielt und Steinschleudern gebastelt. Doch der Höhepunkt war das „Outdoor-Übernachten“. Wir haben nicht wirklich draußen übernachtet, allein schon, weil es nachts echt kalt wird und wegen der Mücken. Doch die Kinder wollten so gerne einmal wo anders übernachten, so dass wir in der outpatient clinic, das separate Gebäude auf dem Gelände, in dem untertags die Förderung für die behinderten Kinder stattfindet, ein Matratzenlager machten. Wir hatten auch Muffins gebacken, ich zeigte ihnen Fotos und Filme von den Pfadfindern im Kongo und wir schauten uns einen Spielfilm an. Wir hatten wirklich sehr viel Spaß und die Kinder waren richtig ausgelassen und fröhlich, wie bei einem Zeltlager (stundenlanges Ratschen und Quatschmachen in der Dunkelheit zu Schlafenszeit natürlich mit eingeschlossen. Aber gut, es waren ja Ferien. Und ich habe ja auch noch nicht ganz vergessen, was einem als Kind an Matratzenlagern so Spaß macht). Am Ende der Ferien backten wir dann noch mit allen großen Kindern Gemüsepizza. Es ist faszinierend, wie gern einem die Kinder bei so „besonderen“, aber eigentlich ja einfachen Dingen, wie Kochen, helfen. Die Kleinen halfen mir morgens auch immer sehr gerne beim Abspülen und Abtrocknen. Kurz vor unserer Abreise wollten die großen Kinder auch noch mit uns Reis und Gemüse anbraten, weil Kathi und ich uns das oft kochten, als Alternative zu Reis mit Bohnen. Eigentlich nichts Großartiges, aber gemeinsames Kochen (und dann noch ein Rezept, das nicht jeden Tag so auf den Tisch kommt) macht einfach mehr Spaß.

Mama Tito, die Verantwortliche für die Outpatient hatte auch mal eine Woche Urlaub und so konnte ich noch die Erfahrung machen, wie es ist, die behinderten Kinder vormittags alleine zu betreuen. Es hat sehr gut geklappt, besser als ich erst dachte, und wir hatten viel Spaß. Wir malten, spielten, hörten Musik und machten lange Spaziergänge (mit allen drei Zerebralparese-Kinder, die nicht laufen können: einer im Rollstuhl, der andere auf einem extra Fahrrad und der dritte, der kleinste, mit einem Kanga auf meinem Rücken gebunden).

Wir, also Kathi und ich, gingen auch weiterhin ein bis zweimal pro Woche zu den Sisters nach Kemondo und halfen bei ihrem social service und in ihrer Jugendgruppe mit. Sie erklärten uns, wie sie Aloe Vera-Blätter einlegen, für Medizin, und wie sie das uji-Mehl herstellen. Wir halfen beim Rösten der Bohnen, Erdnüsse und dem Mais und, nachdem das alles in einer Mühle in Kemondo gemahlen wurde, beim Einpacken/tüten des uji-Mehls. (Uji ist dieser Brei, ähnlich wie Haferschleim, der hier den Kindern gegeben wird).

Außerdem bemühten Kathi und ich uns weiterhin, die Zimmer der Kinder noch weiter zu verschönern. Nachdem die kleinen Jungs eine Bordüre mit Fußballspielern bekamen, machten wir für die kleinen Mädchen eine mit Tieren. Zudem gestalteten wir für jede Zimmertür eine Raupe mit den Fotos der jeweiligen Kinder, die in diesem Zimmer wohnen. Das Schönste dabei war, die Überraschung und Freude auf den Gesichtern der Kinder zu sehen, als sie diese Veränderungen in ihren Zimmern entdeckten. Vor allem die kleinen Mädchen kamen sofort, völlig aufgeregt auf uns zu gerannt „Kathi, Analeya, njoo, angaria, chumbani“ und führte uns zu ihren Zimmern, um uns die Neuheiten zu zeigen. Doch auch die großen Kinder bedankten sich für die Fotos an ihren Zimmertüren, was mich sehr freute und berührte. Wir gestalteten außerdem einen Nikolaus aus Pappe für den Eingangsbereich des Nikolaushauses, der unter seinem Mantel all unsere Kinder (in Form von Fotos) beschützt.

Mittlerweile regnet es wieder, fast jeden Vormittag, doch wir hatten während des letzten Monats auch Trockenzeit, bis uns das Wasser ausging. Dann mussten wir mit Kanistern Wasser aus dem See zum Putzen holen und zum Duschen und Waschen sauberes Wasser bei den Schwestern in Kemondo besorgen (es wär sicher nicht ratsam sich mit Seewasser aus einem See, in dem man auf Grund von Bilharziose nicht einmal schwimmen sollte, zu duschen). Nun war wieder Eimer-Leben angesagt, da aus Wasserhähnen, Klospülungen und Duschköpfen kein Wasser mehr kam: Abspülen mit Eimern, Duschen mit Eimern, Waschen mit Eimern, Putzen mit Eimern etc. Doch nicht vergessen: Zähneputzen IMMER mit abgekochten und gefilterten Wasser, abgefüllt in Flaschen! nicht dass man aus Versehen da auch noch Eimerwasser benutzt 😉 Doch da wir im Kongo auch nur so mit Eimern lebten und nie Wasser aus Leitungen hatten, war das für mich keine große Umstellung. Ehrlich gesagt finde ich Duschen mit Eimern sogar besser und angenehmer, da man sich da vorher das Wasser, so lange Strom da ist, mit Wasserkocher warm machen kann. Und außerdem hat man, wenn man sich einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet, viel mehr Wasserdruck, als wie aus den Duschköpfen hier. Doch in einem Haus mit 22 Kinder und noch mindestens 10 Erwachsenen, verbraucht man natürlich sehr, sehr viel Wasser, weswegen wir täglich ganze Wagenladungen mit Wasser holen mussten.

Noch ein kleines Highlight war, dass wir vorübergehend ein neues Kind bekamen. Der Junge ist ca. 10 Jahre alt, hat Epilepsie, und eine Zerabralparese in Form einer Halbseitenlähmung. Er kann laufen, aber sein linker Arm und linker Fuß sind nicht ganz funktionstüchtig. Außerdem hat er noch eine geistige Behinderung. Seine Mutter hat die gleichen Behinderungen und beide kommen jeden Samstag für die outpatient clinic in das Nikolaushaus (dort bekommen sie auch kostenlos die Epilepsie-Medikamente). Daher kennt Steffi sie und kümmert sich bisschen um sie. Die Mutter war auf Grund einer Vergewaltigung nun wieder schwanger. Wir brachten sie schon zweimal während der Schwangerschaft (leider wussten wir und sie wahrschlich auch nicht genau, in welchem Monat sie schwanger war) wegen Blutungen in das nächste Krankenhaus. Ich hatte ja schon Angst, dass sie eine Fehlgeburt hatte. Wir brachten sie einmal abends um 21 Uhr in das Krankenhaus und sie saß nur mit schmerzverzehrten Gesicht blutend auf einem Krankenbett, das noch nicht mal ein Lacken hatte. So spät abends trifft man im Krankenhaus sowieso keinen Arzt mehr an, was mich nicht unbedingt beruhigte. Doch zum Glück war es nie etwas Schlimmeres und letzte Woche kam sie wieder in das Krankenhaus, weil die Geburt kurz bevorstand. Sie war gemeinsam mit ihrer Mutter, einer alten Oma, im Krankenhaus (hier in Tansania wird man ja im Krankenhaus nicht versorgt. Man ist darauf angewiesen, dass Familie oder Freunde täglich Essen bringen und sich um den Patienten kümmern. Deswegen war ihre Mutter bei ihr und wir brachten täglich Essen aus dem Nikolaushaus in das Krankenhaus). Doch das bedeutete, dass sie den 10 jährigen Jungen in ihrer Hütte gelassen haben. Am nächsten Tag fuhren wir zu ihnen nach Hause und tatsächlich war kein Erwachsener da, der sich um den Jungen gekümmert hätte. Sie holten uns einen jungen Cousin von ihm her, sicher nicht älter als 12 oder 13 Jahre, der sich anscheinend um ihn kümmerte. Wir waren dort nachmittags um 2 und auf die Frage, ob sie schon was gegessen hätten, kam nur ein „bado“= noch nicht. Wie wir dann noch bemerkten, dass seine Epilepsie Medikamente leer sind, beschloss meine Anleiterin kurzerhand in mit zu uns ins Nikolaushaus zu nehmen, bis seine Mutter das Kind geboren hat. Im Auto hatte er schon seinen ersten Epilepsie-Anfall und im Laufe des Nachmittags noch zwei. Es war sicher nicht schlecht, dass wir ihn zu uns genommen haben. Unsere Mitarbeiterinnen reinigten gleich seine Füße von allen funza (den Sandflöhen, die ihre weißen Eier-Würmer unter die Haut legen) er bekam frische Kleidung, eine Dusche und eine eigene Zahnbürste. Anfangs musste man auf ihn bisschen mehr Acht geben, da er zum Urinieren immer in den Garten ging, anstatt in das Badezimmer und das Essen immer mit den Fingern aß. Doch Kinder lernen ja schnell. Er ist ein sehr aufgeweckter Junge, mit dem man echt viel Spaß haben und viel rumalbern kann (obwohl er bis auf ein paar Wörter Kihaya auch nicht sprechen kann. Doch man kann ja mit Kindern auch ohne Sprache so viel machen). Letzte Woche wurde dann auch wirklich das Baby geboren, ein sehr kleiner, sehr süßer, soweit gesunder Junge. Ich habe mich sehr gefreut und war schrecklich erleichtert, da ich bei jeder Krankenhausfahrt und Blutung während der Schwangerschaft wieder Angst um die Gesundheit und das Leben beider hatte (leider vertraut man der Medizin und den Ärzten hier einfach nicht so wie in Deutschland. Einfach schon, weil sie gar nicht über all die Mittel und Geräte verfügen wie wir). Gleich am nächsten Tag durften wir in das Krankenhaus und Baby anschauen. Ich bin vor Rührung mal wieder dahingeflossen. Das ist sooo süß und sooo klein. Wir kamen in das Zimmer und sahen das Kind gar nicht, da es so in Kangas eingehüllt war, dass wir dachten, da wär nur ein Haufen Stoff auf dem Bett. Doch auf die Nachfrage unsererseits, wo denn das Kind sei (die Mutter war zu dem Zeitpunkt gerade nicht im Zimmer) meinte die Krankenschwester nur „das liegt doch da auf dem Bett, oder nicht?“. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Stoffe, in die es gehüllt war, mehr wiegten, als das Baby selbst. Kathi und ich hatten im Sachspenden-Container im Nikolaushaus bisschen Babykleidung rausgesucht, so musste der Kleine dann nicht mehr ganz nackt in seinen Stoffen liegen. Erst ein paar Tage zuvor bekamen wir im Nebenzimmer im Krankenhaus mit, wie ein 1-Wochen-altes Baby auf Grund einer Nabelentzündung gestorben ist. Obwohl das Kind im Krankenhaus geboren wurde und somit die Nabelschnur ja vorschriftsmäßig abgebunden worden sein musste. Als meine Anleiterin das mitbekam, beschloss sie kurzerhand, die behinderte Mutter mit ihrem Neugeborenen auch für kurze Zeit in unser Nikolaushaus mit aufzunehmen, da sie sie nicht in ihre Lehmhütte in den Dreck zurückschicken wollte. An unserem letzten Abend richteten wir dann im Zimmer der kleinen Jungs, in dem Spielstall von unserem Autisten, ein provisorisches Matratzenlager mit Moskitonetz für Mutter und Baby her. Leider bekomme ich jetzt die weitere Entwicklung nicht mehr mit, doch ich bin beruhigt, dass es zum Zeitpunkt meiner Abfahrt allen gut ging, und alle drei sicher im Nikolaushaus versorgt wurden.

Doch nun gingen meine fünfeinhalb Monate Paraktikum im Nikolaushaus schließlich doch zu Ende. Es ist immer wieder unglaublich, wie schnell doch die Zeit vergeht. Vor allem je länger man da ist, je besser man sich auskennt, je normaler und vertrauter alles wird, je wohler man sich fühlt, desto schneller verfliegt die Zeit. Und bis zum letzten Tag war alles so „normal“, so alltäglich, selbst noch bei der Fahrt zur Grenze gestern dachte ich mir immer, ach wir machen einen Ausflug, einen Hausbesuch oder ähnliches und kommen abends ja wieder zurück. Doch leider kam ich nicht mehr zurück, sondern sitze gerade in Uganda. Am Freitag bekamen Kathi und ich eine Abschiedsfeier. Wir wünschten uns, relativ „einfach“ bei uns im Garten zu feiern, weil das auch die einzige Möglichkeit ist, dass wirklich alle Kinder dabei sein können. Wir befürchteten, dass es sehr traurig und tränenreich werden könnte, doch so war es überhaupt nicht. Es war eine wirklich wunderschöne Gartenparty. Wir hatten insgesamt 44 Gäste!!! 22 Kinder und 22 Erwachsene. Fast alle Mitarbeiter, auch die, die nicht bei uns wohnen und die indischen und die amerikanische Schwester aus Kemondo und sogar der Pfarrer aus Kemondo kamen. Wir fühlten uns sehr geehrt, über all die Gäste und es herrschte wirklich eine ausgelassene, fröhliche Stimmung. Es gab viel Kuchen (den mal nicht Kathi und ich gebacken haben 😉 ) und Soda, es wurde gesungen, getrommelt, getanzt, wir hatten ganz viele Luftballons und spielten Drei-Bein-Rennen mit den Kindern (was sie nicht kannten). Wir bekamen sogar noch wunderschöne, herzergreifende Abschiedsgeschenke und ein paar Abschiedsreden von Mitarbeitern und sogar von ein paar Kindern. Bei einem der älteren Jungs, wie er sich den Tränen nahe für alles bedankte, konnte ich mich auch nicht mehr ganz zusammenreisen und mir liefen zwei Tränen über die Backen. Doch insgesamt war es wirklich eine sehr fröhliche Feier. Für diesen schönen Abschied bin ich sehr dankbar. Erst wie ich abends die Outpatient Clinic absperrte, und mir plötzlich beim Umdrehen des Schlüssels klar wurde, dass ich das jetzt nie mehr machen werde, so eine Kleinigkeit, die aber so normal für mich war, kamen mir wieder ein paar Tränen. Doch schlimm war es erst Samstagvormittag vor der Abfahrt, wie wir uns von allen endgültig verabschieden mussten. Die kleinen Kids und die behinderten Kinder begreifen das zum Glück noch nicht so, sondern umarmen einen nur lieb mit ihrem wundersüßen Lächeln. Doch wie dann drei der großen Kinder weinend ihren Kopf in ihren Armen versteckten und uns nicht einmal mehr ansehen konnten, konnte ich meine Tränen auch nicht mehr zurückhalten. Aber fast noch schlimmer war, als dann sogar noch ein paar der Mitarbeiterinnen und eine Klosterschwester weinen mussten; diese starken Frauen, diese afrikanischen Mamas, die ich für ihre Stärke und ihre Arbeit, die sie Tag ein Tag aus im Nikolaushaus leisten, einfach nur so stark bewundere….da kann man sich vorher noch so oft vornehmen, wie man will, nicht zu weinen und schafft es trotzdem nicht. Aber ich bin ja auch nur ein Mensch, und ein kleiner noch dazu 😉

Am Ende kann ich mal wieder nur ASANTE SANA sagen. Ich bin mal wieder so unglaublich, unbeschreiblich dankbar, für die Zeit, die ich in Tansania verbringen dufte, dass ich es schwer in Worte fassen kann. Ich denke, ich habe hier sehr viel über mich selbst und über den Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen gelernt und bin wieder ein Stück gewachsen (im übertragenen Sinne natürlich 😉 ).

Ich danke Gott, der mich all die Zeit beschützt hat (bis auf ein paar Hautpilze war ich wirklich nie krank). Ich danke all den Menschen im Nikolaushaus, die mich so lieb aufgenommen haben und mich ein Teil ihrer Nikolaushausfamilie haben werden lassen. Und natürlich bin ich meiner Familie und meinen Freunden in Deutschland dankbar, die mich ein zweites Mal haben ziehen lassen, und mich dennoch während meiner Zeit in Afrika nie vergessen haben und immer für mich da waren.

Kwa Heri

Eure Analeya

(wie lang werde ich wohl noch meinen Namen, von den Kindern gerufen, in meinem Kopf hören?)

P.S. Zum Glück ist es jetzt noch kein entgüliger Abschied aus Afrika. Ich habe noch über zwei Wochen Rundreise durch Tansania vor mir 😀

  • NIKOLAUSHAUS e.V. St. Nicholaus Children´s Center, Kemonodo
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